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Kritik: Chrieg (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Auf den ersten Blick wirkt Matteo (Benjamin Lutzke) wie ein ganz normaler Jugendlicher. Seine grün gefärbten Haare und sein Musikgeschmack scheinen Ausdruck einer stillen Rebellion gegen die gleichförmige Reihenhauswelt, in der er lebt. Auf den zweiten Blick fällt auf, dass dieser wortkarge Junge niemals lächelt. Warum das so ist, lässt Regisseur Simon Jaquemet wie so vieles in seinem intensiven Drama offen. Anstatt unnötig zu psychologisieren, bildet Jaquemet ab. Lorenz Merz' Kamera hält dann einfach drauf. Merz ist dicht dran, schält die Protagonisten mit einer geringen Schärfentiefe vor den verwaschenen Hintergründen heraus. Im Zusammenspiel mit den jugendlichen Laiendarstellern ergibt sich eine Intensität, wie sie selten im deutschsprachigen Kino zu sehen ist.

Ob Matteo tatsächlich Hilfe bedarf oder schlicht ein falsch verstandener Pubertierender ist, müssen letztlich die Zuschauer entscheiden. Sein Lächeln findet er erst wieder, als er seinem Vater übel mitspielt. Diese Szene, wenn sich schließlich auch Matteos Wut entlädt, ist eine von vielen, die dem Publikum einiges abverlangen. Der titelgebende Krieg ist in Simon Jaquemets Langfilmdebüt Dauerzustand: Wenn Anton (Ste), Dion (Sascha Gisler) und Ali (Ella Rumof), die anderen Jugendlichen des Erziehungscamps in den Bergen, nachts im Tal in die Welt der Erwachsenen einfallen; dort prügeln, stehlen, überfallen oder in eine Villa einbrechen und alles kurz und klein schlagen. Oder wenn die drei den Neuankömmling Matteo wie einen räudigen Hund behandeln, ihn in einen Zwinger zwängen, an der Kette führen und Scheiße fressen lassen.

Jaquemet zeigt das schonungslos, bis an die Schmerzgrenze. Es ist rohes, ungefiltertes Kino. Jaquemets Schweiz ist eine Welt voller Verwundeter – und da machen die Erwachsenen keine Ausnahme –, die ein Problem mit Kommunikation und körperlicher Nähe haben. Die Herkunft spielt dabei keine Rolle. Sprachlosigkeit und Wut sind in einer armen Migrantenfamilie, aus der Dion stammt, ebenso gegeben wie in der Oberklasse, der Ali angehört. Hie wie da ersetzen Schläge Worte. Statt ihres Gegenübers nehmen die Jugendlichen auf der Alm lieber Zicklein in den Arm. Und dennoch entsteht hoch oben in den Bergen eine Gemeinschaft, eine Ersatzfamilie. Die gründet weniger auf der Zugehörigkeit zur selben Nation, was am Schweizer Nationalfeiertag bitter ersichtlich wird, sondern vielmehr auf der gemeinsamen Erfahrung, ausgegrenzt zu werden. Was ihnen im Austausch mit ihren Eltern versagt bleibt, gelingt den Jugendlichen nach und nach untereinander: zumindest zaghaft über ihre Gefühle und Träume zu sprechen. In Jaquemets düsterer Gesellschaftssicht platzen aber auch diese am Ende.

Fazit: "Chrieg" wirft einen ernüchternden Blick auf die normierte Welt der westlichen Gesellschaft. Eine schonungslose Geschichte, überzeugende Laiendarsteller und eine intime Kamera machen Simon Jaquemets preisgekröntes Langfilmdebüt zu einer intensiven Erfahrung.





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