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Café Waldluft
Café Waldluft
© dejavu filmverleih

Kritik: Café Waldluft (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Auch die ländlichen Kommunen, die vom Tourismus in schönster Alpenlage leben, müssen mittlerweile Flüchtlinge unterbringen. In seinem ersten Langfilm beobachtet Matthias Koßmehl, der im Chiemgau aufwuchs, den Alltag in einer Berchtesgadener Pension, in der seit über zwei Jahren Asylbewerber wohnen. Das Café Waldluft bezeichnet er als einen "Platz der Menschlichkeit". Niemand ist hier gebürtiger Berchtesgadener. Die Wirtin zog vor einem halben Jahrhundert aus Österreich hierher und fand eine neue Heimat, ebenso wie die Köchin Ursel Kramer, die nach der Wende aus Ostdeutschland kam. Und Jamshid, der während des Drehs seinen Pass bekommt, will weiterhin in der Pension bleiben und dort arbeiten.

Flora Kurz ist beeindruckt, wie gläubig und sittsam ihre muslimischen Gäste leben. Einer von ihnen erzählt immer noch fassungslos, dass ihm manche Deutsche gesagt hätten, sie glaubten nicht an Gott. Die fremde Kultur macht den Männern ebenso zu schaffen wie das Heimweh und das monate- oder jahrelange Warten auf ihre Papiere. Sie sitzen im Garten und blicken auf den berühmten Watzmann, sofern er sich nicht wieder einmal hinter Wolken versteckt, und hören Lieder aus der Heimat. Der Kummer und die Ungewissheit über die Zukunft lassen sich nicht immer verdrängen. Bei Ursel beschwert sich ein Mann, dass es schon wieder Fleischspieße gebe. Und Hardi aus Sierra Leone ist soeben nach einer Odyssee durch Psychiatrie und Kirchenasyl zurückgekehrt: Aus Angst vor Abschiebung hatte er sich aus einem oberen Stockwerk vor das Haus gestürzt. Der Film malt keine Idylle, sondern beobachtet die Kommunikation in der Pension. Dabei wird deutlich, dass die Wirtin und ihre Willkommenskultur einen wichtigen ersten Schritt zur Integration darstellen.

Die Gegenwart der Asylbewerber bestimmt auch die Gespräche der anderen Gaststättenbesucher, die manchmal vor dem Haus sitzen. Im Ort selbst aber fängt der Film keine Stimmen ein, wie er auch sonst oft ausgesprochen vage bleibt und lediglich Eindrücken folgt. Einmal geht das Auto der Wirtin kaputt, ein anderes Mal läuft ein Waldluft-Bewohner, die deutsche Fahne schwenkend, durch den Ort und mischt sich unter die Einheimischen, die offenbar einen Fußballsieg feiern. Erklärt wird weiter nichts. Indem er sich von einzelnen, lückenhaften Betrachtungen leiten lässt, entwickelt der Film aber eine starke Atmosphäre. Sie führt vor allem vor Augen, wie wichtig menschliche Nähe in dieser ersten Zeit des Wartens auf das Bleiberecht ist.

Fazit: In einer traditionsreichen Berchtesgadener Pension wohnen seit zwei Jahren Asylbewerber. Die familiäre Atmosphäre bietet ihnen einen positiven, aber keineswegs konfliktfreien Ort der Auseinandersetzung mit dem Kulturschock und dem Heimweh. Der Dokumentarfilm erforscht mit seiner Vielfalt von Eindrücken die Möglichkeit eines konkreten interkulturellen Miteinanders, das den ländlichen Heimatbegriff mit dem sozialen Wandel konfrontiert.




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