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My Talk with Florence
My Talk with Florence
© Drop-Out Cinema eG

Kritik: My Talk with Florence (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der österreichische Künstler Otto Mühl zählt zu den bekanntesten Vertretern des Wiener Aktionismus. Bei dieser extremen Form der Performance-Kunst wurde schon einmal ein Schwein geschlachtet und anschließend eine nackte Frau in dem Blut, sowie in Kot und Urin gebadet. Ebenfalls berühmt-berüchtigt ist die von Mühl gegründete radikal-alternative Kommune, die bis zu 600 Mitglieder zählte. Hinter der faszinierenden Fassade aus freiem Selbstausdruck und freier Liebe verbargen sich Florence zu Folge ein inhuman-totalitäres Regime und der nackte Psychoterror. Der Leiter Otto Mühl wurde 1991 aufgrund von Kindesmissbrauch zu sieben Jahren Haft verurteilt. In diesem Interview redet Florence mit dem Filmemacher Paul Poet ("Foreigners out! Schlingensiefs Container"). Der Allround-Künstler zählt zu den schillerndsten Gestalten des heutigen Kulturbetriebs der Alpenrepublik und erscheint somit als idealer Gesprächspartner für eine einstige Wegbegleiterin eines der umstrittensten Künstler des Landes.

Trotzdem ist "My Talk with Florence" denkbar minimalistisch und unspektakulär geraten. Lediglich Am Anfang, in der Mitte und am Ende tobt sich Poet ein wenig mit Hilfe extrem poppiger und sehr schnell geschnittener Bildtafeln aus. Aber die gesamte übrige Zeit über ist die Kamera einzig auf die in einem Sessel sitzende Florence gerichtet, zoomt mal dichter an ihr Gesicht heran und dann wieder weg. Das Ganze erfolgt zudem gänzlich ohne Schnitte. In einem lockeren Erzählton - der häufiger von schallendem Gelächter unterbrochen ist - berichtet Florence von erlittenen Missbrauch, dem Leben auf der Straße und in der Irrenanstalt und von dem Wahnsinn des Lebens in der Kommune, wo selbst die "freie Liebe" zeitweilig über einen akribischen "Fickplan" organisiert wurde, der dreimal täglich Sex mit wechselnden Partnern vorschrieb. Der große Guru Otto Mühl wird von Florence als despotischer und größenwahnsinniger Tyrann beschrieben, der dem Großteil der Mitglieder seiner Kommune das dortige Leben zur Hölle auf Erden machte.

Dabei ist die Haltung von Florence äußerst ambivalent. Schonungslose Selbstsezierung trifft auf effekthascherische Selbstinszenierung und bei allem Minimalismus. Zudem reiben sich im Film die schlichte Inszenierung und der schockierende Inhalt stark aneinander. Diese Ambivalenz überträgt sich auf die Rolle des Zuschauers. Dieser fühlt sich zur Hälfte als neutraler Beobachter mit quasi wissenschaftlichem Interesse und zur anderen Hälfte als ein sensationslüsterner Unmensch. Somit ist "My Talk with Florence" eine sehr lohnenswerte, aber zugleich ebenfalls eine sehr anstrengende Seherfahrung.

Fazit: Pauls Poets erschütternde minimalistische Dokumentation "My Talk with Florence" ist äußerst faszinierend und zugleich eine sehr unangenehme Kost.




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