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oder

Kritik: I, Olga Hepnarova (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Es ist eine bedrückende, freudlose Welt, in die das Drama der Regisseure Tomas Weinreb und Petr Kazda entführt. In Schwarz-Weiß erweckt es die sozialistische Tschechoslowakei Anfang der 1970er Jahre zum Leben, in der sich die junge Pragerin Olga Hepnarová zur Außenseiterin entwickelt. Die Mutter und andere Erwachsene erwarten, dass sie funktioniert. Doch Olga verweigert sich. Das einsame Mädchen äußert seine wachsende Entfremdung von der Gesellschaft ganz unverblümt, schwankt zwischen scheuer Verschlossenheit und Aggressivität. Aber Olga findet niemanden, der ihr hilft oder die Katastrophe, die sich anbahnt, verhindert. Das Drama begibt sich tastend auf die Spuren dieser rätselhaften, schleichend in die Schizophrenie rutschenden Person und versucht zu verstehen, wie es zu ihrem Amoklauf kommen konnte, der 1973 in Prag acht Menschen in den Tod riss.

Der Film ist weniger an Fakten interessiert, an der Rekonstruktion von Olgas Kindheit und Jugend beispielsweise, als daran, sich vorzustellen, wie die Sichtweise der jungen Frau gewesen sein könnte. Er reiht kurze Szenen aus ihrem Alltag in den Jahren vor der Tat aneinander, ohne dass sie immer schlüssig zueinander passen oder eine Kontinuität ergeben. Olga wirkt wie eine rebellische Jugendliche, die aus unklaren Gründen ins Abseits gerät, es zunehmend vorzieht, allein zu sein. Aber sie sucht auch den Kontakt zu anderen jungen Frauen. Lesbisch zu sein, ist jedoch ein Grund für soziale Ächtung. Manchmal wirkt Olga ganz normal, dann wieder verhält sie sich sonderbar, fährt mit dem Auto eine Treppe hinunter.

Der Film verzichtet auf schmückende Musik, auf schnelle Schnitte, vor allem aber auf Erklärungen. Ihrem Arzt gegenüber sagt Olga zwar recht deutlich, wie es in ihr aussieht. Doch das System kann mit einer wie ihr wenig anfangen. Die Devise lautet eher, und sogar wider besseres Wissen, wie sich letztlich im skandalösen Todesurteil für Olga zeigt, seelische Not zu ignorieren. Es bleibt ungewiss, ob Olga wirklich so oft im Leben der "Prügelknabe" war, als den sie sich bezeichnet. Aber die Strenge, die beispielsweise ihre Mutter ausstrahlt, der allgemeine Mangel an menschlicher Nähe lassen frösteln. Olgas Einsamkeit wirkt authentisch. Insofern schließt sich der Film ihrer Anklage an, dass diese unbarmherzige Gesellschaft Schuld auf sich geladen hat.

Fazit: Unter der Regie von Tomas Weinreb und Petr Kazda versucht der Spielfilm eine Annäherung an die rätselhafte Persönlichkeit einer Amokläuferin, die im Prag des Jahres 1973 acht Menschen in den Tod riss. Das in Schwarz-Weiß gefilmte, ruhige Drama ist weniger an einer Nacherzählung biografischer Fakten interessiert, als daran, sich spekulativ in die Perspektive der jungen Frau zu vertiefen. Olga Hepnarová wurde zum Tode verurteilt, obwohl sie offensichtlich an Schizophrenie litt. Der Film entwickelt eine beklemmende Spannung, indem er Olgas Entfremdung von einer kalten und unfreien Gesellschaft ebenso nachzeichnet wie ihre zunehmende Isolation.




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