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FBW-Bewertung: Alles was kommt (2016)

Prädikat wertvoll

Jurybegründung: Die unverwechselbare Charakterdarstellerin Isabelle Huppert prägt diesen Film über Einsamkeit, Liebe und das Älterwerden, aber auch die Veränderungen in der Gesellschaft. Das stille Drama war eines der Highlights im Wettbewerb der Berlinale 2016, die Regisseurin wurde mit dem Silbernen Bär für die Beste Regie ausgezeichnet.
Die 35jährige Autorenfilmerin bleibt ihren Lieblingsthema, dem Verlust eines geliebten Menschen, auch in ihrem fünften Film treu. In ihrem Debüt TOUT EST PARDONNÉ wendet sich der Vater einer Familie einer anderen Frau zu. Zwei Jahre später inspirierte sie der Tod ihres Mentors Humbert Balsan zum DramaDER VATER MEINER KINDER. 2011 variierte sie ihre Vorliebe für die Auseinandersetzung mit dem Verlassenwerden und Einsamkeit in EINE JUGENDLIEBE, in der eine Frau nicht von dem angebeteten Mann lassen kann.
ALLES WAS KOMMT steht zudem in der Tradition der Meisterwerke des französischen Kinos. Das Drama folgt ohne größere Höhen und Tiefen oder Spannungskurven einfach dem Fluss des Lebens der Philosophin und Lehrerin Natalie. Ihre Träume hat die Ex-Kommunistin und Alt-68erin längst gegen ein bourgeois alternatives Leben eingetauscht. Sie ist die Kontrolle selbst, alles hat sie im Griff. Sie führt eine normale Ehe, die Kinder sind aus dem Haus.
Ihr Glück gerät aus dem Gleichgewicht, als ihr Mann sie verlässt und der Verlag, der ihre Bücher über die Klassiker der Philosophie verlegte, ihr kündigt. Das Interesse des Publikums ist zu gering. Die Welt von Natalie und ihre Lebensweise sind vom Aussterben bedroht.
Die Kamera fängt das auf. Stand Natalie lange im Zentrum des Bildes, rückt sie unmerklich in die Peripherie. Räume öffnen sich, auch landschaftlich. Entfremdung und Fremdbestimmung sind beendet. Natalie könnte sich jetzt frei fühlen, doch mit der unverhofften Freiheit will und kann sie wenig anfangen. Leere breitet sich in ihrem Innern aus, über die auch die Treffen mit ihrem Muster-Schüler nicht hinwegtrösten kann. Der hat sich mit seiner Freundin und einer Diskussionsgruppe aus Deutschland auf einem alternativen Bauernhof in der Provence zurückgezogen. Hier erlaubt sich der Film einen schonungslosen, beinahe gehässigen Blick auf eine Generation, die sich von der Gesellschaft entfernt, die sie vorgibt, verändern zu wollen.
Die stetsäußerlich verletzbar wirkende Isabelle Huppert spielt den Selbstbehauptungswillen von Natalie wie stets mit minimalistischen Mitteln. Eine andere Schauspielerin ist in der Rolle der Natalie kaum vorstellbar.




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