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Paterson
Paterson
© Weltkino Filmverleih

Kritik: Paterson (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Nach der schwarzhumorigen Vampirromanze "Only Lovers Left Alive" (2013) legt der Indie-Filmemacher Jim Jarmusch mit "Paterson" ein Werk vor, das sich in mancher Hinsicht stark von seinem Vorgänger unterscheidet, in anderer Hinsicht jedoch hohe Ähnlichkeiten mit diesem aufweist. Statt Fantastik gibt es nun ein realistisches Setting; der unstillbare Blutdurst der Hauptfiguren aus "Only Lovers Left Alive" muss einer Genügsamkeit weichen, die den titelgebenden Protagonisten zu einem ungewöhnlich-ambitionslosen Helden macht. Die Gemeinsamkeiten der Arbeiten liegen indes darin, dass im jeweiligen Zentrum der Handlung eine Ehe steht – und dass Jarmusch mit seinem damaligen Kameramann Yorick Le Saux in Detroit ebenso viel erstaunliche Schönheit zu entdecken vermochte, wie es ihm jetzt mit Frederick Elmes in der Industriestadt Paterson gelingt.

Der Zustand der Monotonie ist oft Ausgangspunkt einer Geschichte über Aufbruch – über den Wunsch nach Veränderung (oder gar über deren Notwendigkeit). "Paterson" erweist sich hingegen als stille, bescheidene Feier dieses Zustandes: Routine meint hier nicht "gefangen sein", vielmehr ermöglicht sie ein glückliches, harmonisches Dasein. Das Werk zeigt eine Woche im Leben von Paterson und dessen Gattin Laura; im Laufe dieser Zeit sind meist lediglich kleine Abweichungen und Irritationen zu erkennen. An einer Stelle (in einer Bar-Szene) wird es kurz ein bisschen – aber wirklich nur ein bisschen – dramatisch; und ein Vorfall im letzten Drittel des Films zwingt Paterson dazu, darüber nachzudenken, was ihm seine niedergeschriebenen Worte bedeuten. Die Alltagslyrik des Protagonisten stammt von dem Dichter Ron Padgett aus Oklahoma; sie findet ihre Inspiration in vermeintlich Banalem wie Streichhölzern. Wenn Paterson zu schreiben beginnt, lässt Jarmusch seinen Helden die Worte als voice-over aussprechen; überdies werden sie auf der Leinwand sichtbar. Kombiniert werden sie gelegentlich mit Aufnahmen der historischen Wasserfälle des Great Falls sowie einer musikalischen Untermalung, die diesen Passagen etwas Kontemplatives verleiht.

Darüber hinaus ist "Paterson" ein Film der schönen oder lakonisch-witzigen Begegnungen. So trifft die Titelfigur etwa auf ein Mädchen, das gleichfalls dichterisch tätig ist. In der Bar, die Paterson allabendlich aufsucht, kommt es zu Gesprächen über Herzschmerz und Popkultur. Auf seinen Bustouren schnappt Paterson Bruchteile der Konversationen seiner Fahrgäste auf; hier wird unter anderem ein Gastauftritt des jungen "Moonrise Kingdom"-Paars Kara Hayward und Jared Gilman geboten. Die Jarmusch-typischen Verweise auf der Bild- und Dialogebene reichen vom Œuvre des Poeten William Carlos Williams (1883-1963) bis hin zu Erle C. Kentons Science-Fiction-Horrorklassiker "Island of Lost Souls" (1932). Bei allem Wirklichkeitssinn schafft es der US-Auteur, dem Geschehen unter anderem durch ein wiederkehrendes Zwillingsmotiv auch etwas leicht Surreales zu geben.

Adam Driver ("Star Wars – Das Erwachen der Macht"), der in seinen Rollen sonst eher exzentrisch daherkommt, interpretiert den Titelpart mit einer angenehmen Zurückhaltung; mit seiner Spielpartnerin Golshifteh Farahani ("Alles über Elly") harmoniert er ausgezeichnet. Mit ihren wechselnden Träumen einer Karriere als Cupcake-Bäckerin oder Country-Star wird Laura vom Skript und der Inszenierung etwas zu sehr verniedlicht und damit als Persönlichkeit zu wenig ernst genommen; die Paarszenen am Esstisch funktionieren dank der stimmigen Chemie zwischen Driver und Farahani allerdings gut.

Fazit: Eine filmische Ode an die Poesie des Alltags, mit sympathischem Humor, einem unkonventionellen, treffend verkörperten Helden sowie zahlreichen kulturellen Anspielungen. Sehr liebenswürdig!





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