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Der Ost-Komplex
Der Ost-Komplex
© Galeria Alaska Productions

Kritik: Der Ost-Komplex (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Regisseur Jochen Hick ist stets hautnah bei Hauptfigur Röllig. Egal ob bei Radio-Talkshows, Parteiveranstaltungen, Demos, hitzigen Diskussionen oder in den eigenen vier Wänden – für die Zeit der Dreharbeiten wurde die Kamera in gewisser Weise ein Teil von Rölligs Leben, der hier auch ganz offen über sein Schwulsein spricht. Homosexualität – ein Thema, dem sich auch Jochen Hick in vielen seiner Filme widmete, so z.B. in seinem bemerkenswerten Film "Out in Ost-Berlin". Darin widmete sich Hick dem alltäglichen Leben Homosexueller in der DDR der 70er-Jahre.

Der Grund für Rölligs Flucht – die Liebe zu einem 25 Jahre älteren West-Berliner Politiker – ist ebenso unkonventionell wie der Film selbst. "Der Ost-Komplex" verbindet auf äußerst gelungene, mitreißende Weise zwei Dinge miteinander: das sehr persönliche, jederzeit intime Porträt über ein Opfer der DDR-Unterdrückung, das aus erster Hand über die kriminellen Machenschaften der Führung berichten kann. Hier geben also keine Wissenschaftler oder Historiker lediglich trockene Fakten zum Besten, sondern ein Zeitzeuge – zudem ein sehr offener und auskunftsfreudiger – schildert seine ganz persönlichen Erlebnisse. Dies ist der eine Aspekt. Andererseits aber macht diese informative Doku auch deutlich, wie unglaublich engstirnig sowie realitätsfremd viele Menschen – wohlgemerkt ehemalige Bewohner der DDR – sind. Und: wie sehr sie den verbrecherischen Arbeiter- und Bauernstaat immer noch auf unerträgliche Art und Weise – regelrecht romantisch – verklären.

Beide Aspekte, die persönliche Lebensgeschichte Rölligs und das Aufklärerische der Doku, ergänzen sich hier ausgenommen gut und gehen meist fließend ineinander über. Dies zeigt z.B. eine Szene, in der Röllig bei seinen Führungen durch das ehemalige Stasi-Zuchthaus im Stadtteil Hohenschönhausen zu sehen ist. In jenem Gefängnis verbrachte er selbst einst viele Monate. Röllig berichtet freimütig über seine eigenen Erlebnisse hinter Schloss und Riegel. Äußerungen, die ihm sichtlich nicht immer leicht fallen. Dennoch kann es sich ein Teilnehmer der Führung nicht verkneifen zu sagen, dass er Rölligs Fluchtversuch nicht verstehen könne. Er habe doch alles gehabt, etwa ein sicheres Zuhause und eine gute Ausbildung. Getreu dem, ausgelutschten und beschönigendem Motto: "Es war doch nicht alles schlecht." Die wahre Geschichte und die Gründe, die hinter Rölligs versuchter Flucht aus der DDR steckt, kennt dieser Mann freilich nicht.

Ebenfalls machen z.B. die Teilnahme Rölligs an Gegendemos zu Ehren führender Kommunisten sowie an Vorträgen ehemaliger SED-Parteibonzen, eines unmissverständlich klar: die Zahl der Menschen, die die Verbrechen der DDR beschönigen und den Staats-Terror nach wie vor als geeignetes Vorgehen gegen "asoziales Pack" (Flüchtlinge, Homosexuelle, politisch Andersdenkende etc.) ansehen, ist nach wie vor erschreckend hoch. Nichts haben jene Realitätsleugner nach über 25 Jahren gelernt. Eine Aufarbeitung des DDR-Terrors, vom Schießbefehl über die ständige Bespitzelung, fand hier nicht statt. Ebenso wenig eine Auseinandersetzung mit der eigenen, persönlichen Geschichte. Eine traurige, aber die wohl wichtigste Botschaft des Films.

Fazit: Als Mischung aus sehr persönlichem Porträt und aufschlussreicher Doku über die Erinnerungskultur der Deutschen, macht die nachdrückliche Doku "Der Ost-Komplex" eines klar: wie viele Menschen nach wie vor die Unterdrückung und den Terror der DDR-Staatsmacht beschönigen.





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