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Europe, She Loves
Europe, She Loves
© dejavu filmverleih

Kritik: Europe, She Loves (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Schweizer Regisseur Jan Gassmann ("Off Beat") reiste für seine Doku bewusst in Länder Europas, die nicht gerade zu den wirtschaftlich stärksten und finanziell unabhängigsten Staaten des Kontinents zählen: Spanien, Irland, Griechenland und Estland. All diese Länder finden sich seit Jahren im Zusammenhang mit Wirtschafts- oder Arbeitsmarktkrisen, Finanznöten oder Zahlungsunfähigkeit oftmals in der medialen Berichterstattung wieder. Stellvertretend für die Ängste und Sorgen der Menschen an diesen Orten fand er vier Paare, die sich in ihrem Alltag porträtieren ließen und Gassmann sowie seinem Kameramann Ramon Giger spannende Einblicke in ihr Leben gewährten.

Zwar handelt es sich um größtenteils relativ junge, im Film dargestellte Protagonisten, in ihrer Gesamtheit und in ihren Äußerungen bringen sie aber dennoch passend all jene Sorgen auf den Punkt, die alle Menschen in den betreffenden Staaten umtreibt: die Angst vor sozialem Abstieg und finanziellen Engpässen bis hin zur allgegenwärtigen Frage, ob sich die ökonomische Situation im Land künftig noch weiter verschlechtern könnte. Zwei der Porträtierten stehen regelmäßig für bessere Lebensmittel an, einige der Acht sind auf Jobsuche, zwei von ihnen wissen nicht, wie es mit ihrem Studium weitergeht bzw. für welchen Masterstudiengang sie sich einschreiben sollen.

Darunter auch Terry aus Dublin, den Regisseur Gassmann u.a. zur Vorlesung in die Uni begleitet, nur um – sobald er zu Hause ist – die Sorgen um die Zukunft während des Zockens eines Videospiels zumindest für kurze Zeit zu vergessen. Terry war früher schwer drogensüchtig, das erfährt man als Zuschauer durch eine Unterhaltung, die Terry und Siobhan in ihrer Wohnung mit Freunden über die eigene Drogenvergangenheit führen. Zwischendurch schmusen und streiten sich die Zwei, je nach Stimmungslage, u.a. darüber, dass Terry doch viel zu viel Zeit vor dem Bildschirm, anstatt über seinen Büchern verbringen würde. Der Film steckt voller solcher intensiver, ungemein privater Momente und Eindrücke aus dem Alltag der Porträtierten. Dabei sind das noch längst nicht die intimsten und emotionalsten Szenen im Film und es mutet schon erstaunlich an, wie unverstellt, offen und freizügig sich die vier Paare hier geben.

Gassmann und die Kamera scheinen mit dem Privatleben der Paare zu verschmelzen, man wird als Zuschauer ein Teil ihres Alltag und ist auch bei den vertraulichsten und privatesten Augenblicken überhaupt dabei: wenn sich die Paare lieben, sinnlich und leidenschaftlich, und sie die Kamera schon längst nicht mehr zu bemerken scheinen. Gassmann verzichtet auf jeglichen Off-Kommentar oder auf Einblendungen im Vorfeld der Szenen. Somit muss man sich als Zuschauer selbst einen Reim und seine eigene Meinung zum Gezeigten bilden. Gelungen und dramaturgisch sinnvoll gestalten sich die Überblendungen, Schnitte bzw. szenischen Wechsel von einem Paar zum anderen. An dieser Stelle wirkt nichts abgehackt oder im Fluss gestört, vielmehr bilden die Einzelsequenzen eine wohlüberlegte, sich ergänzende Einheit.

Fazit: Spannender, an Intimität nicht zu überbietender Einblick in das Privatleben von vier europäischen Paaren, die in ihrer Angst um eine gesicherte Zukunft mit finanzieller Sicherheit, geeint sind.




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