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Lenas Klasse
Lenas Klasse
© Jomami Filmproduktion © New People Film Company

Kritik: Lenas Klasse (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Für den in Moskau geborenen Regisseur Iwan I. Twerdowskis Film ist "Lenas Klasse" das Spielfilmdebüt. Mit seinen 27 Jahren ist er ein sehr junger Debütant, zumal er die Jahre davor bereits einige Kurzfilme inszenierte. "Lenas Klasse" wurde auf dem Kinofestival "Kinotavr" sowie dem 24. Filmfestival des osteuropäischen Films Cottbus prämiert. Außerdem wurde das Werk, das sich intensiv mit den alltäglichen Problemen von jugendlichen Behinderten sowie deren gesellschaftlicher Unterdrückung befasst, auf weiteren internationalen Festivals gezeigt. Hinsichtlich seiner Story und Dramaturgie, erinnert "Lenas Klasse" bisweilen an den letztjährigen, ukrainischen Kritikerliebling "The Tribe". Darin ging es um eine Gruppe von gehörlosen Jugendlichen, die durch kriminelle Machenschaften auffallen.

Im russischen Original heißt der Film übersetzt "Die Korrekturklasse". Und genau das ist es, was mit den Schülern in Lenas Klasse, allesamt an einer körperlichen oder psychischen Erkrankung wie z.B. Sprechproblemen oder Kleinwüchsigkeit leidend, passieren soll. Sie sollen regelrecht "korrigiert" bzw. ihre Mängel und Einschränkungen insoweit ausgeglichen werden, dass sie wieder Teil der "normalen" Klassen und damit der Gesellschaft werden können. Ausgleichen sollen diese "Gebrechen" sehr gute schulische Leistungen und ein unauffälliges Sozialverhalten, was eine Versetzung aus der Sonderschulklasse zur Folge hätte – der große Traum aller Schüler, allen voran von Lena, die aufgrund ihres Selbstvertrauens uns ihrer ausgesprochen guten Allgemeinbildung in ihrer Klasse sehr schnell sehr angesehen ist.

Somit dauert es nicht lange, bis auch der geheimnisvolle Mitschüler Anton auf das gehbehinderte Mädchen aufmerksam wird. Zwischen den Beiden entwickelt sich im Laufe des Films eine zärtliche Liebesgeschichte, die Regisseur Twerdowski ohne viel Pathos und peinlichen Kitsch inszeniert. Gnadenlos klagt er mit seinem Film vielmehr die alltäglichen Beschränkungen und Hindernisse an, die behinderte Menschen in Russland zu durchleiden haben, vor allem dann, wenn sie Teil einer öffentlichen Einrichtung, wie etwa einer Schule, sind bzw. dies werden wollen. Da sind zum einen die gelangweilten und am Wohl sowie der Zukunft der Kinder keineswegs interessierten Lehrkräfte, die Lena und Anton auf dem Schulgang auch schon mal ganz deutlich fragen, was sie dann dort machen und wieso sie sich nicht in ihrer "Zone" bzw. ihrem Teil des Gebäudes aufhalten würden. Erinnerungen an die Selektionen in den NS-Konzentrationslagern kommen hier auf. Freilich nicht ganz in all der entwaffnenden Brutalität und Schonungslosigkeit, aber auch hier liegt eine Form der Ausgrenzung und Benachteiligung vor. Und neben der Tatsache, dass das Schulgebäude in keiner Weise auch nur annähernd barrierefrei gehalten ist, gibt es da noch die Eltern, die mit ihren Kindern heillos überfordert sind und am Ende im (wahrsten Sinne des Wortes) vor dem System auf die Knie gehen und zerbrechen. Die letzten Sekunden des Films erlauben dennoch einen positiven Blick in die Zukunft.

Im letzten Drittel erlaubt sich der Film die ein oder andere schwer nachvollziehbare und etwas unglaubwürdige Wendung zu viel. Dass er dennoch über die Maßen sehenswert geraten ist, liegt neben der offenen und mutigen Kritik am russischen Schulsystem vor allem auch an der Unmittelbarkeit und Authentizität, die durch die bewegliche Kamera, entstehen. Durch den dokumentarischen Inszenierungsstil mit der "Wackelkamera", ist der Zuschauer immer mitten im Geschehen, so entstehen Intensität und Glaubwürdigkeit.

Fazit: Mit dokumentarischer Finesse, Genauigkeit und Handkamera eingefangener, mutiger Blick in das von Unterdrückung und Ausgrenzung bestimmte russische Schulsystem, mit starken Darstellern und einem positiv stimmenden Schlussbild.




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