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FBW-Bewertung: Seefeuer (2016)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Ein Jahr lang hielt sich der Dokumentarfilmer Gianfranco Rosi auf Lampedusa auf, der italienischen Mittelmeerinsel, die zum Symbol der jüngsten Flüchtlingskatastrophe geworden ist. Er hat die Bewohner der Insel beobachtet, ihr Leben sowie ihre Reaktionen dokumentiert, er war auf Rettungsmissionen dabei und hat die Arbeit der Küstentruppen begleitet. Klug montiert er in seiner Erzählung die beiden Welten parallel zueinander. Da sind auf der einen Seite die Inselbewohner, allen voran der zwölfjährige Samuele, der von den Ereignissen draußen vor der Insel offenbar nicht viel mitbekommt. Er baut mit seinem Kumpel Zwillen, schlürft gerne Spaghetti ein und hat höchstens mal mit Atembeschwerden zu tun, die sein Arzt aber eher als psychosomatisch einstuft. Den Arzt indes hat man einige Minuten zuvor bereits im Film gesehen. Da erzählt er von der anderen Seite, von den grausamen Zuständen in den Flüchtlingsbooten, von den Verstümmelungen und Obduktionen, die er durchführen muss.
Es ist wahrhaft erstaunlich, wie wenig Zeigefinger Rosi im Filmaufbau benötigt, um ein Nebeneinander wie dieses zu schildern. Grundsätzlich besteht einer der großen Leistungen Gianfranco Rosis darin, jeden offensichtlichen Kommentar zu vermeiden (seine Parallelstruktur ist Kommentar genug). Er zwingt uns damit dazu, uns mit der Tragödie zu beschäftigen und uns selbst ein Bild zu machen. Angesichts dieser parallelen Struktur und angesichts der zum Teil schwer auszuhaltenden Bilder von den Flüchtlingsbooten rüttelt der Film an den eigenen Positionen, und vor allem hinterfragt er die eigene Verantwortung. Samuele und die anderen Protagonisten werden zum Spiegelunseres Verhaltens in Westeuropa zwischen Machtlosigkeit und Ignoranz. Und weil dieses Verhalten vorherrscht, wird im sicheren, reichen Westeuropa über Zahlen und Herkunftsländer, über Bleiberecht und Fluchtmotivationen debattiert. In Rosis Film ist angesichts der Bilder all das nicht von Interesse. Rosi ist nahe an die Menschen herangekommen, er gibt all dem Vagen, das wir aus den Medien zu kennen glauben, ein Gesicht. SEEFEUER ist gerade dank seines besonnenen und nicht-proklamatorischen Erzähltons ein enorm wichtiges Zeitdokument, das im täglichen Bilderurwald hysterischer Berichterstattung eine klaffende Lücke füllt.




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