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Kritik: Mr. Gaga (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Viele Jahre arbeitete der israelische Filmemacher Tomer Heymann an der Realisierung und Fertigstellung seiner neuen Dokumentation. Zwar ist Heymann – vor allem bekannt durch seine aufwühlenden Dokus "Paper Dolls" (2006) über philippinische Transgender und "Who’s gonna love me now" (2016) über einen HIV-Infizierten Landsmann – seit knapp 25 Jahren mit dem Tänzer befreundet. Dennoch sträubte sich dieser viele Jahre gegen einen Film über sich und vor allem gegen Aufnahmen von seinen Proben und Workshops, die er hütete wie ein kostbares Geheimnis und stets hinter fest verschlossenen Türen abhielt. Insgesamt nahm die Arbeit an "Mr. Gaga" daher fast acht Jahre in Anspruch. "Mr. Gaga" zeichnet dabei aber nicht nur das Porträt des Künstlers Naharin, sondern auch des Privatmenschen, der in zweiter Ehe mit der 30 Jahre jüngeren Batsheva-Tänzerin Eri Nakamura verheiratet ist.

Gleich zu Beginn des Films macht eine Sequenz deutlich, worauf das komplette künstlerische, (Gaga-) Gerüst des Choreografen beruht und was einen wichtigen Aspekt der von ihm konzipierten Technik ausmacht: er versucht eine Tänzerin dazu zu bringen, sich im wahrsten Sinne vollständig "fallen zu lassen" und komplett die Körperanspannung aufzugeben, um überzeugend auf den Boden niederzusinken so, als hätte jemand auf sie geschossen. Er lässt sie die Übung oft wiederholen und an dieser Stelle zeigt sich exemplarisch das von Akribie, Professionalität und hemmungslosem Perfektionismus durchzogene Berufsethos des Meisters. Diese Szene ist beeindruckend, doch ist sie nur der Beginn einer leidenschaftlichen, kraftvollen Doku, die sich nicht zuletzt auch durch die beeindruckenden Aufnahmen der spektakulären Tanzszenen bei Aufführungen und Proben auszeichnet.

In erster Linie die Massenszenen sind es, die den Zuschauer immer wieder in ungläubiges Staunen versetzen werden. Da sieht man ungemein akrobatisch agierende, unzählige Tänzerinnen und Tänzer, es dürften fast an die 100 sein, die synchron, kraftvoll – ja fast animalisch – ihre an Dynamik und Körperbeherrschung kaum zu überbietende Performances an den Tag legen. Doch auch die stillen, ruhigen Momente sind hochinteressant und intensiv, wenn man dem Lehrer Naharin bei seiner Arbeit zusehen und endlich einmal Mäuschen spielen kann bzw. sieht, was sich hinter den so viele Jahre verschlossenen Türen der Batsheva Dance Company-Proberäume abspielt.

Dabei vergisst der Film aber nie, auch auf die Privatperson einzugehen und den Menschen Ohad Naharin hinter dem weltweit gefragten Choreografen zu zeigen. Zu verdeutlichen, wie und warum aus ihm geworden ist, was er eben ist. Dabei greift Regisseur Heymann auf eine schier unermessliche Vielzahl an privaten Super-8-Aufnahmen zurück, die den Anschein erwecken, der Tänzer sei fast sein komplettes Leben mit der Kamera begleitete worden. So ist er in fast allen Lebensphasen zu sehen: als Kind beim Spielen im Wasser mit Gleichaltrigen, in den Armen der Mutter, bei akrobatischen Tanzübungen im Alter von vielleicht 22, 23 Jahren oder bei Theater-Proben in den 80er-Jahren. So entsteht ein ausführliches, rundes Bild sowie eine mitreißende Kunst- und Tanzfilm-Doku, die zu den gelungensten seit Wim Wenders "Pina" (2011) gezählt werden darf.

Fazit: Kraftvolle, leidenschaftliche Doku über einen der erfolgreichsten Tänzer und Choreografen der Welt, die auch hinter die Kulissen blickt und ihr Augenmerk auf die Privatperson abseits der Bühne lenkt.




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