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Wie die anderen
Wie die anderen
© Real Fiction © Navigator Film

Kritik: Wie die anderen (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Für Filmemacher Wulff, der früher u.a. als Filmkritiker gearbeitet hat, war seine erste Kino-Doku seit "In die Welt" (2008) ein Langzeitprojekt. Er bereitete den Film etwa drei Jahre lang vor, die Drehzeit selber belief sich auf rund anderthalb Jahre. In dieser Zeit begleitete er das Team und die Patienten der Klinik in Tulln nahe der österreichischen Hauptstadt in ihrem Alltag. Wullf ist seit 2007 Lehrbeauftragter für Dokumentarfilmgeschichte an der Filmakademie Wien und seit 2009 am Filmcollege in Wien. Er gilt als einer der profilierten Kenner der Materie "Dokumentation" im deutschsprachigen Raum.

Der Zuschauer erhält Einblick in diese für viele gesunde Menschen oft fremde, manchmal verstörende Welt aus Gesprächen, Therapien und medikamentöser Unterstützung. Es geht darum, endlich Rettung aus dem seelischen Tief zu erfahren, das wird bereits nach wenigen Minuten deutlich. "Wie die anderen" zeigt dabei nicht nur, dass auch Kinder und Jugendliche nicht vor schweren psychischen Problemen gefeit sind. Der Film geht noch deutlich weiter, in dem er den Krankheiten ein Gesicht gibt und das umfangreiche Spektrum der psychischen Störungen an einigen Beispielen aufzeigt.

Im Film ist z.B. ein autistischer Junge zu sehen, der in seiner eigenen, kleinen Welt lebt und für die Ärzte kaum zu erreichen ist. Oder ein Jugendlicher, der unter einer verzerrten Selbstwahrnehmung und einem sich selbst auferlegten, extremen Leistungsdruck leidet. Fassungslos macht der Fall eines stark Suizid-gefährdeten weiblichen Teenagers, dessen Arme mit Narben übersät sind. Der Blick auf die tiefen, unzähligen Narben ist kaum zu ertragen. Wenn sich das Mädchen einen Tag mal nicht schneidet, betrinkt sie sich, um den alltäglichen seelischen Schmerz nicht spüren zu müssen. Auch diese besonders drastischen Fälle machen klar, wie wichtig und mutig ein Film wie dieser ist. Der Respekt ist Filmemacher Wulff sicher, aber nicht zuletzt auch den jungen Patienten selbst, die im Film auftreten und den Mut haben, öffentlich zu ihrer Krankheit zu stehen und zu zeigen: die Depression selektiert nicht nach Alter oder Beruf, sie kann jeden treffen.

Wulff wählte für die Umsetzung des schwierigen Themas zudem genau die richtige Inszenierungs- und Umsetzungsart. Getreu der Tradition des "Direct Cinema", treten Kamera und Regisseur hier als objektive, rein beobachtende Elemente auf. Es geht darum, neutral und vorurteilsfrei das reale Leben mit der Kamera abzubilden. Auf einordnende Kommentare, Off-Statements oder Interviews mit Ärzten oder Patienten, verzichtet der Film daher komplett. Auf diese Art entsteht ein ehrlicher, ungekünstelter und ganz unmittelbarer Einblick in den Klinik-Alltag mit allem, was diesen prägt und ausmacht: Besprechungen der Ärzte, Eltern-Gespräche, medizinische Untersuchungen, Supervisionen, Einblicke in therapeutische Angebote wie Ergo- und Psychotherapie.

Fazit: Anderthalb Jahre lang beobachtete Regisseur Wulff den Alltag in einer Jugendpsychiatrie nahe Wien. Ruhig und abgeklärt erzählt der Film von tragischen Fällen, die aber nicht hoffnungslos sind. Sein eindringliches aber nie auf die Tränendrüse drückendes Werk ist ein wichtiges Plädoyer für mehr Toleranz und gegen das Schweigen.





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