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Die feine Gesellschaft
Die feine Gesellschaft
© Neue Visionen

Kritik: Die feine Gesellschaft (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Mit "Die feine Gesellschaft" präsentierte Bruno Dumont auf dem Festival de Cannes 2016 den vermutlich absurdesten und kühnsten Beitrag des filmischen Wettbewerbs. Während in den bisherigen Kino-Arbeiten des Franzosen – etwa in "Humanität" (1999) oder "Twentynine Palms" (2003) – überwiegend ein düsterer Ton herrschte, knüpft Dumont hier nun an die wilde Komik seiner Mini-Serie "Kindkind" (2014) an. Er wirft seine herrlich skurril gezeichneten Figuren in burleske Situationen, kombiniert Slapstick-Einlagen mit äußerst derben Momenten, die bis zum Kannibalismus reichen, und hebt schließlich – im wahrsten Sinne des Wortes – ab, um in wunderbar-surrealistische Sphären vorzudringen. Das Werk feiert den Nonsens, das Körperlich-Seltsame, das Quietschen und Knurren, Fuchteln und Fallen.

Bei aller Alberei, aller Ausschweifung und Drastik bleibt indes stets der Raum für subtilen Witz und eine treffende Kritik am Großbürgertum. Die städtische Industriellen-Sippe Van Peteghem, die die Küste des Ärmelkanals zur sommerlichen Erholung bereist, verklärt die eklatante Armut der lokalen Bevölkerung ("Wie pittoresk!", "Diese Simplizität!") und lässt immer wieder deutlich erkennen, dass sie auf diese herabblickt ("Das sind keine Menschen wie wir ..."). Ebenso unreflektiert schwärmen die Familienmitglieder von der Landschaft, nehmen diese jedoch kaum noch wahr und sind von der Naturgewalt gänzlich überfordert, weshalb nur der Rückzug in die grotesk anmutende Villa bleibt. Dumont begeht allerdings nicht den Fehler, diesen exaltierten Gestalten eine einseitig-sympathisch gestaltete Dorfgemeinschaft gegenüberzustellen; der Miesmuschelsammler und seine Sippe sind mürrische Wesen, die bei ihrem täglichen Überlebenskampf keinerlei Rücksicht nehmen (können).

Nicht zuletzt besticht "Die feine Gesellschaft" selbstverständlich durch die exquisite Besetzung, die sowohl aus Arthouse-Stars als auch aus Leinwand-Debütant_innen besteht. Als buckliges Oberhaupt mit zwei linken Händen, das bereits beim Tranchieren der Lammkeule scheitert und einen bösen Crash bei einer Segelwagenfahrt am Strand erlebt, zeigt sich Fabrice Luchini in bester Form. Valeria Bruni Tedeschi ("Die Überglücklichen") ist als hysterische Frau an seiner Seite, die permanent das genervte Hausmädchen maßregelt, ebenso sehenswert wie die superbe Juliette Binoche, die mit deliziös-schrecklichem Gesang und sehr viel Drama aufwartet. Als Ermittler-Duo in Laurel-und-Hardy-Manier, das den mysteriösen Vorfällen in der Bucht mit geringer Kompetenz nachspürt ("Was sind das wieder für Kinkerlitzchen?!"), sorgen Didier Després und Cyril Rigaux für lustige Szenen, während die androgyne "Raph" in ihrer Rolle als Billie gekonnt Gender Trouble verursacht ("Das ist ein Junge, dieses Mädchen!"). Alles in allem eine überaus eindrückliche Team-Leistung.

Fazit: Ein Fest der Verrücktheiten mit cleveren Spitzen gegen die Bourgeoisie und einem großartig-spielfreudigen Ensemble.




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