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Kritik: Camino a la Paz (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Eigentlich ist die Wohnung viel zu eng, die die frisch Vermählten Sebastián (Rodrigo de la Serna) und Jazmín (Elisa Carricajo) zu Beginn von Francisco Varones Regiedebüt besichtigen. Jazmíns Blick ist so hart und misstönend wie die E-Gitarren aus dem Off, die den Rundgang unterlegen. Sie möchte bald Kinder und dafür mehr Platz. Doch Sebastiáns Augen fixieren durchs Küchenfenster den Grill im mickrigen Innenhof, und die Entscheidung ist gefallen. Diese Kombination aus Koinzidenz und Impulsivität bestimmt fortan Varones verschrobenes, tiefgründiges, überraschendes und berührendes Roadmovie.

Auf die Straße geht es aus der Not heraus. Sebastián macht sich aus der Verwechslung mit einem Fahrdienst erst einen Spaß und als zufälliger Mietchauffeur schließlich Ernst. Vom Erfolg seiner Reise hängt der finanzielle Frieden seiner noch jungen Ehe und der Seelenfrieden seines Fahrgasts Jalil (Ernesto Suárez), letztlich aber, wie es sich für einen Film über das Unterwegssein gehört, sein eigener innerer Frieden ab. Der "Camino a La Paz", die Straße respektive der Weg nach La Paz, ist das Ziel und einer zu sich selbst. Mit hässlichen Strickpullovern, Frisur und Schnäuzer, die demselben Jahrzehnt wie sein Auto entsprungen sind, ist Sebastián ein im Leben Festgefahrener, der seine Richtung verloren hat. Dass Jalil sein Ziel so klar vor Augen hat, weist schließlich auch seinem Chauffeur den Weg.

Francisco Varone, der bislang in der Werbebranche, als Autor fürs Fernsehen und als Regieassistent tätig war, greift in seinem Debüt auf altbewährte Muster zurück, ohne formelhaft zu werden. Die Kombination aus dem Pedanten Jalil und dem lazy loser Sebastián ist eine geradezu genretypische Fahrgemeintschaft. Und auch die gemeinsam erlittenen Schicksalsschläge und die Konsequenz, mit der Varone diese ins gedämpft Absurde steigert, wirken vertraut. Dennoch ringt der Debütant diesem Zweckbündnis neue Facetten ab.

Das hat viel mit der sonst selten gezeigten Welt südamerikanischer Muslime zu tun. Wenn Sébastian etwa in den Dhikr, eine meditative Übung zur Vergegenwärtigung Gottes, mit einstimmt, werden Bilder, Ton und Montage selbst zum meditativen Erlebnis. Entscheidend ist aber auch die Stimmung, die Varone für seinen Film wählt. Tragik und Komik halten sich die Waage und sind, so laut und grob eine höhere Gewalt ein ums andere Mal auch zuschlagen mag, stets leise und fein.

Rodrigo de la Serna und Bühnenveteran Ernesto Suarez, der mit "Camino a La Paz" – noch so eine Unglaublichkeit – sein Leinwanddebüt gibt, spielen das souverän mit der ganzen unerschütterlichen Gelassenheit ihrer Figuren. Für den Dreh hat sich das Filmteam selbst auf die Reise begeben. Die Strapazen sieht man den Schauspielern an, und das ist wunderbar. Am Ende haben ihre Charaktere bis auf ein Schachspiel alles verloren und doch so viel von dem gewonnen, was sie sich vor ihrer Reise nicht hätten erträumen lassen.

Fazit: Francisco Varones Regiedebüt "Camino a La Paz" ist ein tragikomisches, überraschendes und überraschend tiefgründiges Roadmovie. Inszenierung und Schauspieler überzeugen durch einen leisen, nachdenklichen Ton. Wie häufig im Genre ist der Weg das Ziel und dieses Mal ein besonders schöner.




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