VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Die Hände meiner Mutter (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Regisseur und Drehbuchautor Florian Eichinger interessiert sich dafür, was familiäre Gewalt mit den Menschen macht. "Die Hände meiner Mutter" versteht er als Abschluss einer Trilogie. Während "Bergfest" (2008) die Spätfolgen eines psychischen Missbrauchs und "Nordstrand" (2013) die eines körperlichen betrachtete, geht es in "Die Hände meiner Mutter" um einen sexuellen. In seiner Herangehensweise an dieses hochsensible Thema ist dem Filmemacher deutlich anzumerken, dass er ja nichts falsch machen möchte. Formal trifft er dabei nicht immer die richtige Entscheidung.

In sechs Kapiteln, die mit seinem eigenen Namen und denen seiner Eltern, seiner Frau, seiner Schwester und seines Sohnes überschrieben sind, begleitet das Drama das Missbrauchsopfer Markus (Andreas Döhler) auf seinem schmerzhaften Weg aus dem Trauma. Timo Schwarz rückt mit seiner Kamera dicht ans Geschehen heran, fängt die Handelnden in einem dokumentarischen Stil ein. Der passt gut zu Eichingers sachlicher Regie und dem nüchternen Schauspiel. Während die Nebendarsteller eher biedere Kost abliefern, brilliert Andreas Döhler mit seiner zurückhaltenden Darstellung eines leisen, äußerst schüchternen Charakters.

Es ist Eichingers großes Verdienst, dass er das in der Öffentlichkeit viel zu selten behandelte Thema niemals reißerisch in Szene setzt. Realistisch schreitet er die Station der Aufarbeitung ab, zeigt alle Rück- und Niederschläge. Einfache Lösungen bietet der Film keine. Auch die von der klassischen Dramaturgie gewohnten Momente der Katharsis verweigert er. Das verlangt dem Publikum einiges ab. Erst ganz am Schluss erhält es einen Ausblick auf eine bessere Zukunft.

So manche formale Entscheidung läuft diesem intensiven Filmerlebnis aber auch zuwider, weil sie die Zuschauer wiederholt aus dem Geschehen reißt. Einige Nebenrollen sind offensichtlich mit Laien besetzt. Bei allem Realismus, den "Die Hände meiner Mutter" durch seine Form imitiert, steht deren Agieren vor der Kamera jederzeit in einem erkennbaren Kontrast zu den Profis. Das Alter einiger Darsteller löst weitere Irritationen aus. Katrin Pollitt und Heiko Pinkowski, die Markus Eltern spielen, sind nur acht Jahre älter als Andreas Döhler. Das kann selbst die beste Maske nicht verbergen. In der filmischen Gegenwart wirken die beiden stets etwas zu jung, in den Rückblenden hingegen viel zu alt.

Der Kunstgriff in den Rückblenden ist wiederum Eichingers größter Missgriff. Um den Missbrauch zeigen zu können, spielt Andreas Döhler auch sein früheres Ich. Dann sitzt er als erwachsener Mann im Pyjama in seinem Kinderzimmer, wenn sich seine Mutter nachts an ihm vergeht. Was im Theater funktionieren mag, schrammt auf der Leinwand stets haarscharf an der Grenze zur unfreiwilligen Komik vorbei und wäre besser ungesehen geblieben. Angesichts des Themas wirkt dieses Stilmittels wie ein Fremdkörper.

Fazit: "Die Hände meiner Mutter" ist ein mutiger Film über ein wichtiges Thema, in dem vor allem der starke Hauptdarsteller überzeugt. Regisseur und Drehbuchautor Florian Eichinger geht das Tabu schonungslos, aber stets mit dem nötigen Fingerspitzengefühl an. Bei der Wahl seiner formalen Mittel trifft er aber wiederholt denkbar ungünstige Entscheidungen.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.