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Multiple Schicksale
Multiple Schicksale
© Die FILMAgentinnen © Spot On Distribution

Kritik: Multiple Schicksale (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Was als ambitionierte Abschlussarbeit an einem Schweizer Gymnasium begann, hat es bis auf die große Leinwand geschafft. Bereits vor einer offiziellen Kinoauswertung war der Andrang bei einer ersten Aufführung so groß, dass sich Regisseur Jan Kessler entschied, "Multiple Schicksale" mit professioneller Hilfe noch einmal zu überarbeiten. Doch auch in der neuen Version sind die formalen Schwächen dieses Debüts nicht zu übersehen. Mal ist der Fokus nicht richtig gesetzt, mal der Bildausschnitt ungünstig gewählt. Die Aufnahmen der Zugfahrten und die Passagen aus Hermann Hesses "Siddhartha", die Kessler aus dem Off vorträgt, sind zu offensichtlich als strukturierendes Füllmaterial auszumachen. Angesichts des Inhalts und nicht zuletzt des jungen Alters des Regisseurs sind diese kleinen Mängel jedoch lässlich.

Was "Multiple Schicksale" zu einem sehenswerten, ja bemerkenswerten Dokumentarfilm macht, ist die große Nähe, die Kessler zu den Betroffenen aufbaut. Die sechs Erkrankten und ihre Familienmitglieder gewähren dem Regisseur nicht nur Zutritt in ihre Wohnungen, in Klinikzimmer und Untersuchungssäle, sondern geben dem Filmemacher auch ihr Innerstes preis. Sie erinnern sich an erste Symptome, an ihre Reaktionen nach der Diagnose, an kleine Höhe- und große Tiefpunkte. Egal in welchem Stadium sie sich befinden, "Multiple Schicksale" zeigt Menschen, die bei aller Fremdbestimmung durch ihre Krankheit stets versuchen, selbstbestimmt zu leben, selbst wenn das bedeutet, aus dem Leben zu scheiden.

Ab und an hätte man dem Film etwas mehr Distanz und kritischere Nachfragen – etwa beim Thema Sterbehilfe – gewünscht. Dass diese ausbleiben mag auch daran liegen, dass der Regisseur dazu selbst noch keine klare Position hat. Auch die Stimme eines Mediziners hätte nicht geschadet. Da die sehr unterschiedlichen Auswirkungen der multiplen Sklerose nur an den Betroffenen gezeigt und von diesen geschildert werden, dürfte nicht jeder Zuschauer den Kinosaal mit einen klaren Bild dieser Krankheit verlassen.

Fazit: "Multiple Schicksale" ist ein bemerkenswertes Dokumentarfilmdebüt, das in erster Linie durch seine Nähe zu den Porträtierten besticht und dadurch eine komplexe Krankheit menschlich erfahrbar macht.





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