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Kritik: And-Ek Ghes (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Familienvater Colorado Velcu und Regisseur Philip Scheffner sind seit einigen Jahren befreundet. Sie kennen sich von dem vor vier Jahren entstandenen Film "Revision", in dem Scheffner die Hintergründe des mysteriösen Todes zweier rumänischer Staatsbürger aufarbeitete. Ganz im Zentrum von "And-Ek Ghes" steht nun das charismatische Familienoberhaupt Velcu mit seiner Sippe aus unterschiedlichsten, bunten Charakteren: natürlich angefangen bei den Kindern über die Neffen bis hin zu den Schwestern und zum Schwager. Das Besondere an dem Film: Velcu und seine Familie werden selbst zu Regisseuren, die halten die Erlebnisse auch selbst mit der Kamera, aus ihrem Blickwinkel, fest. Damit wird die Grenze zwischen Regisseur, den Protagonisten und dem Kinobesucher endgültig aufgelöst. Seine Premiere erlebte der Film in diesem Jahr auf den 66. Internationalen Filmfestspielen in Berlin.

Das große Plus des Films sind die Protagonisten selbst, die mit ihrer offenen, sympathischen Art den Zuschauer an allem teilhaben lassen, was ihnen in ihrem Alltag widerfährt. Nicht nur Familienvater Colorado, auch die übrigen Familienmitglieder, etwa der gesanglich begabte Sohn Casino, haben keine Scheu, sich vor der Kamera zu geben wie sie sind – und ihre Gefühle, Ängste, Sorgen aber auch glückliche Momente ungefiltert von der Kamera einfangen zu lassen. Ein sehr schöner, nachdrücklicher Moment zeigt eine Tochter, wie sie glücklich und ausgelassen auf der Straße herum springt und sich einfach nur darüber freut, endlich in Deutschland zu sein und nun viele spannende Dinge tun zu können.

Überhaupt sind gute Laune und ausgelassene Stimmung ein häufiger Begleiter, was sich nicht zuletzt daran zeigt, dass Musik und Gesang im Familienleben allgegenwärtig sind, etwa wenn Colorado am Klavier sitzt und musiziert. Bollywood-Filme mit ihren emotionalen Liedern und der prächtigen Ausstattung sind bei der ganzen Familie beliebt, das merkt man an vielen Stellen des Films. Allen voran Colorado kann sein Faible für diese Filme nur schwer verheimlichen. Die Sympathien hat ohnehin von Beginn an vor allem er auf seiner Seite: der musisch talentierte, hart arbeitende, immer mit einem Lächeln auf den Lippen ausgestattete Familienvater, der seine Kinder alleine großzieht.

Das, was der Film zeigt, ist nicht immer alles gleich spannend und mitreißend (etwa wenn sich zwei Brüder im Park langweilen oder sich die Familie beim Grillen im Freien filmt), dennoch macht es aber auch deutlich, worin der Alltag einer Migrantenfamilie in Deutschland bestehen kann. Und dieser ist natürlich nicht zuletzt auch von Ärger mit den örtlichen Ämtern und finanziellen Engpässen geprägt. Wir erfahren, dass die Kinder deshalb noch nicht zur Schule gehen, weil die Erlaubnis der Behörden fehlt und dass der neue Arbeitgeber von Colorado das Gehalt nicht immer pünktlich überweist. Was folgt, ist ein Teufelskreis: ohne Gehalt keine Miete, ohne Miete keine Wohnung und ohne Wohnung kein Aufenthalts- und Bleiberecht. Aber so weit ist es noch lange nicht. Auch diese schwierigen Momente sorgen nicht dafür, dass sich diese liebenswerte, hinreißend lebensbejahende Familie unterkriegen lässt.

Fazit: Persönlich gefärbte, experimentell angehauchte Semi-Dokumentation, die den Alltag eine Migrantenfamilie in Deutschland hautnah und ungeschönt einfängt – mit allen traurigen aber auch schönen Ereignissen und Erlebnissen.




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