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Das Gelände
Das Gelände
© Film Kino Text © Die FILMAgentinnen

Kritik: Das Gelände (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Der Starttermin dieses Dokumentarfilms ist mit Bedacht gewählt. "Das Gelände" läuft bereits am 9. November an, jenem Datum, das in der deutschen Geschichte mehrfach einen Wendepunkt markierte. 1918 rief Philipp Scheidemann die erste deutsche Republik aus, 1938 kam es unter den Nationalsozialisten reichsweit zu Pogromen gegen jüdische Bürger, 1989 fiel die Berliner Mauer. Ebenso geschichtsträchtig ist auch das Areal, dem sich Martin Gressmanns Langzeitbeobachtung widmet: eine Brache zwischen dem heutigen Berliner Abgeordnetenhaus und dem Martin-Gropius-Bau, auf der die Nationalsozialisten den Terror und Völkermord in Europa planten, verwalteten und ausführten, und auf dem seit 2010 ein Zentrum steht, das eben jene Taten dokumentiert.

Der Regisseur nähert sich diesem locus terribilis, diesem Schreckensort des Naziregimes zunächst ganz persönlich. In Briefen an seine Großmutter, die er aus dem Off vorliest, versucht Gressmann, das Unfassbare zu fassen. Seine beinahe lyrisch formulierten Gedanken alternieren mit Aussagen von Historikern, Archäologen, Architekten und Politikern. Auch deren An- und Einsichten sind lediglich zu hören. Anders als vom klassischen Dokumentarfilm gewohnt, ist keiner der Interviewpartner zu sehen. Erst im Abspann erfahren die Zuschauer deren Namen und Funktion. Kurze Zwischentitel während des Films ordnen die Aufnahmen der Brache zeitlich ein.

Im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele Berlin hat "Das Gelände" völlig verdient den Preis der deutschen Filmkritik als bester Dokumentarfilm 2015 erhalten. Denn Gressmann gelingt das seltene Kunststück, mit seinen Zuschauern in einen fruchtbaren Dialog zu treten. "Das Gelände" ist mehr als nur Zeitdokument, das den historischen, sozialen und kulturellen Wandel der Jahrzehnte an einem geschichtsträchtigen Ort festmacht. Gressmanns Film ist kluge Reflexion über den schwierigen Umgang mit dem Erbe der Täter. Gerade durch die gewagte Beschränkung seiner formalen Mittel auf ein Mindestmaß erlaubt der Regisseur seinem Publikum, sich tief in das Gezeigte zu versenken und den Umgang aller Beteiligten sowie den eigenen Umgang mit der deutschen Geschichte (kritisch) zu hinterfragen.

Fazit: Wer sich auf die ungewohnte Form dieses Dokumentarfilms einlässt, wird belohnt. Martin Gressmanns Langzeitbeobachtung "Das Gelände" ist ein starkes Stück Kino, das seine Zuschauer zum Nachdenken anregt.





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