VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Die Tänzerin (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Mit dem Biopic "Die Tänzerin" liefert Stéphanie Di Giusto ihr Langfilmdebüt als Regisseurin; zudem hat sie gemeinsam mit Sarah Thibau und Thomas Bidegain auf Basis des biografischen Werks "Loïe Fuller, danseuse de la Belle Époque" von Giovanni Lista das Drehbuch verfasst. Das Skript nimmt sich zahlreiche Freiheiten – insbesondere in Bezug auf den familiären Hintergrund der Protagonistin; überdies wird der fiktiven Figur des melancholischen Adligen Louis d'Orsay überraschend viel Raum in der Handlung zugestanden.

Dass Di Giusto weniger an einer akkuraten Schilderung des Lebens von Marie-Louise alias Loïe Fuller interessiert ist, sondern vielmehr an einer poetisierten Reflexion, wird bereits zu Beginn spürbar, wenn sie mit ihrem Kameramann Benoît Debie in artifiziellen Bildern ein düsteres Wildwest-Märchen entstehen lässt. Der Goldsucher-Vater, den Denis Ménochet als charismatischen Tunichtgut interpretiert, wird auf dramatische Weise ermordet; dem Milieu, dem Marie-Louise daraufhin entkommt, wohnt bei allem Dreck und aller Rohheit ein seltsamer Zauber inne. Auch später erzeugen Di Giusto und ihr Team immer wieder lyrische Momente, wenn sich Loïe zum Beispiel mit ihren jungen Tanzschülerinnen durch einen verwunschen anmutenden Schlosswald bewegt. Di Giusto beweist in etlichen Szenen, dass sie eine begabte visuelle Erzählerin ist – etwa in der Situation, in der die Heldin zu ihrem Künstlerinnennamen findet.

Die Höhepunkte des Werks sind selbstverständlich die bahnbrechenden Auftritte von Loïe Fuller – von den Anfängen in New York City über die Perfektionierung im Varietétheater Folies-Bergère bis hin zur finalen Performance in der Pariser Oper. Die damals neuartige Kombination aus Tanzbewegungen und einem Spiel mit Licht und Farbe auf schwarzer Bühne wird hier tatsächlich so faszinierend und berückend erfasst, wie sie auf das Publikum der Belle Époque gewirkt haben muss. Wenn die junge Künstlerin ihre durch Bambusstäbe verlängerten Arme ausbreitet und im weißen Seidengewand den inzwischen berühmten Serpentinentanz vorführt, lässt uns der Film in die Schönheit des Augenblicks eintauchen; gleichwohl zeigt er auch Fullers körperliche Selbstausbeutung und -zerstörung sowie das hohe Maß an kreativer und technischer Vorbereitung.

Die französische Punk-Rock-Sängerin und Schauspielerin Soko verfügt über eine bemerkenswerte Ausstrahlungskraft; sie verleiht ihrer Rolle sowohl hartnäckigen Trotz als auch Fragilität. Die Interaktionen mit Gaspard Ulliel ("Mathilde – Eine große Liebe") und Mélanie Thierry ("Die Prinzessin von Montpensier") sind gelungen: Während Ulliel als äthersüchtiger Louis das Destruktive in Fullers Verhalten sowie der ganzen Epoche verkörpert, sorgt Thierry als persönliche Assistentin Gabrielle für die nötige Erdung. Lily-Rose Depp lässt als Isadora Duncan in ihrem Spiel Schwächen erkennen, vermag jedoch tänzerisch ebenfalls zu überzeugen.

Fazit: Ein visuell einnehmender Film, der sich seiner Protagonistin mit poetischem Gespür nähert und von seiner starken Hauptdarstellerin profitiert.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.