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Kritik: Frantz (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Mit der französisch-deutschen Co-Produktion "Frantz" legt François Ozon ("Swimming Pool") ein loses Remake des weithin unbekannten Ernst-Lubitsch-Werks "Der Mann, den sein Gewissen trieb" (1932) vor, welches wiederum auf einem Stück von Maurice Rostand basiert. Der in Paris geborene Filmemacher entschied sich dafür, die Perspektive der Geschichte zu ändern und diese in erster Linie aus deutscher Sicht zu schildern. Treffend fängt er die Stimmung im Land kurz nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg ein, indem er sich exemplarisch der Kleinstadt Quedlinburg widmet. Dort zeigt er den Zorn und Hass der Deutschen auf die Franzosen – und wie aus der Verbitterung letztlich der Nationalsozialismus entstehen konnte. "Jeder Franzose ist für mich der Mörder meines Sohnes", sagt der Arzt Hans Hoffmeister zu Beginn der Handlung – um sich und seinem Gegenüber später doch einzugestehen, dass er selbst es war, der seinen gefallenen Sohn Frantz in den Kampf und somit in den Tod schickte, als er ihn drängte, sich zu melden.

Das Werk befasst sich mit Schuld sowie der Hoffnung auf Vergebung, aber auch mit Verlust, Trauer und den oft seltsamen Wegen, wie man mit Schmerz umgehen kann. Der Plot um die junge Witwe Anna, die sich mit dem plötzlichen Auftauchen des Franzosen Adrien konfrontiert sieht, wird äußerst clever präsentiert; Ozon und sein Drehbuch-Kollaborateur Philippe Piazzo spielen – wie es im Ozon-Œuvre üblich und dennoch immer wieder erfrischend ist – mit der Wahrnehmung des Publikums und beweisen dabei ein beachtliches Geschick, wodurch der Verlauf des Films weit weniger vorhersehbar ist, als man zunächst vermuten könnte. Adriens backstory wound entbirgt sich erst allmählich; und sogar nachdem der geplagte Mann sein Geheimnis offenbart hat, ist die Geschichte keineswegs auserzählt. Die Beziehungen zwischen den Figuren werden zunehmend komplexer; in bemerkenswerter Ambivalenz demonstriert das Skript, dass das Kaschieren der Wahrheit durchaus ein Akt der Liebe sein kann. Auf visueller Ebene ist Ozons Arbeit nicht minder durchdacht: Der Wechsel zwischen Schwarz-Weiß und Farbe in den berückenden Aufnahmen ist nicht nur eine hübsche Idee, sondern mit Hintersinn verbunden.

Darstellerisch ist "Frantz" ein großes Vergnügen: Paula Beer ("4 Könige") weiß sowohl die Trauer um ihren Verlobten als auch die langsam zurückkehrende Lebensfreude und die aufkeimenden Gefühle ihrer Figur für den sensiblen Fremden glaubhaft zu verkörpern – und Pierre Niney ("Yves Saint Laurent") entfaltet in seinem emotionalen Spiel als körperlich, vor allem aber seelisch versehrter Musiker und Ex-Soldat eine außerordentliche Ausstrahlungskraft. Die beiden lassen eine gewisse Melodramatik in ihrer Mimik und Gestik zu, die jedoch nie überzogen wirkt. Es gelingt dem Duo, Anna und Adrien tatsächlich als Menschen ihrer Zeit erscheinen zu lassen. Auch das restliche Ensemble liefert gute bis sehr gute Leistungen.

Fazit: Smart erzählt, wunderschön bebildert und exzellent gespielt: eine weitere filmische Perle von François Ozon, die klug unterhält und zugleich politisch relevant ist.





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