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Kuba im Wandel - Eine Reise in ein unbekanntes Land
Kuba im Wandel - Eine Reise in ein unbekanntes Land
© Rise and Shine Cinema

Kritik: Transit Havanna (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Mit dem Dokumentarfilm "Transit Havanna" ermöglicht der in den Niederlanden geborene Daniel Abma einen hochinteressanten Einblick in eine bisher kaum beleuchtete Seite der Republik Kuba: Er schildert die Lebenssituation dreier Trans*-Menschen – und schafft es, Nähe zu seinen Protagonist_innen sowie zugleich eindrückliche Kinobilder zu erzeugen. In Zusammenarbeit mit seinem Autor Alex Bakker ist es ihm sichtlich gelungen, eine Vertrauensbasis zu allen Beteiligten vor der Kamera aufzubauen, wovon das Werk zu jeder Zeit profitiert. Gelegentlich werden Fragen aus dem off gestellt; in vielen Passagen fangen Abma und sein Kameramann Johannes Praus jedoch einfach die herrschende Stimmung ein – in einer visuellen Gestaltung, die eine perfekte Balance zwischen aufrichtig-authentisch und ambitioniert-kunstvoll findet. Einnehmend sind nicht zuletzt die Kamerafahrten, in denen lebendig wirkende Stadtszenen in slow motion erfasst werden.

Sowohl die Wahl der drei Protagonist_innen als auch der Zeitpunkt der Betrachtung erweisen sich als optimal. Die engagierte und selbstbewusst auftretende Trans*-Frau Malú, für die eine geschlechtsangleichende Operation "das wichtigste Ziel in meinem Leben" darstellt, ist eine imponierende Persönlichkeit, die sich bei aller Energie und Entschlossenheit letztlich doch in Abhängigkeit befindet – da allein die Ärzte entscheiden, wann ihre OP vonstatten gehen wird. Wir begleiten Malú unter anderem zu ihrer Familie an den Ort ihrer Kindheit sowie zu ihrem Freund, der im Gefängnis sitzt. Dabei kommt es zu Momenten, die niemals voyeuristisch, aber sehr eindringlich sind. Auch die Sequenzen, die sich der Trans*-Frau Odette widmen, sind beachtlich: Odette war einst als Panzerfahrer im Einsatz (und vermochte sich in dieser Lebensphase gut zu verstellen, wie sie selbst erzählt); inzwischen ist sie als Ziegenhirtin tätig. Sie könne, so meint sie, nachvollziehen, dass es vielen Leuten in Kuba schwer fällt, ihre Situation als Trans*-Frau zu begreifen – weil sie selbst 18 Jahre gebraucht habe, um alles zu verstehen. Gleichwohl verletzen Odette die ablehnenden Reaktionen ihrer religiösen Verwandtschaft. Beim Dritten im Bunde – dem älteren Trans*-Mann Juani – stellen Abma und sein Team indes vor allem die Bewältigung des harten Arbeitsalltags präzise heraus. So entsteht insgesamt ein vielfältiges Bild des Lebens von Trans*-Menschen in Havanna.

Da die Dreharbeiten zu "Transit Havanna" stattfanden, als Raúl Castro und Barack Obama live im Fernsehen die diplomatische Annäherung zwischen Kuba und den USA verkündeten, zeigt der Film passenderweise auch auf großer Ebene einen Prozess der transition. Wenn Abma und Praus die Gemütsbewegung von Odette während der Fernsehmeldung festhalten, ist dies ein weiterer intensiver Augenblick in diesem sehenswerten Werk.

Fazit: Ein relevanter, anregender Dokumentarfilm mit tollen Protagonist_innen; auch die Bildsprache überzeugt.





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