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Die Florence Foster Jenkins Story
Die Florence Foster Jenkins Story
© Salzgeber & Co

Kritik: Die Florence Foster Jenkins Story (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Mit seinem neuen Werk "Die Florence Foster Jenkins Story" liefert Ralf Pleger eine interessante und ambitionierte Mischung aus Dokumentarfilm und musikalischer Tragikomödie. Wie in seinen bisherigen Arbeiten – etwa der Fernsehproduktion "Wagnerwahn" (2013) – lässt Pleger auch hier ein hohes Maß an Einfallsreichtum erkennen, um sich seinem filmischen Gegenstand anzunähern. In diesem Fall handelt es sich dabei um Florence Foster Jenkins (1868-1944), die als "schlechteste Sängerin aller Zeiten" in die Kulturgeschichte einging. So diente sie etwa als Vorbild für die von Catherine Frot verkörperte Hauptfigur in "Madame Marguerite oder Die Kunst der schiefen Töne" (2015) und wird von Meryl Streep im Biopic "Florence Foster Jenkins" (2016) interpretiert.

Zum einen ist "Die Florence Foster Jenkins Story" eine dokumentarische Betrachtung einer äußerst exzentrischen Persönlichkeit: Pleger präsentiert visuelles und akustisches Archivmaterial und verbindet es mit Stadtmotiven sowie mit Expert_innen-Interviews. Ausschnitte aus alten Tonaufnahmen demonstrieren, dass die titelgebende Protagonistin ihren Ruf durchaus nicht zu Unrecht hat; dennoch belässt es Pleger nicht dabei, nur auf das fehlende Gesangstalent von Foster Jenkins hinzuweisen – vielmehr ergibt sich aus den Aussagen der Befragten in der Summe ein überaus komplexes Charakterbild.

Während der Sammler und Historiker Gregor Benko erklärt, Foster Jenkins' Schallplatten deshalb zu schätzen, weil sie ihn "zum Lächeln bringen", hört der Musikwissenschaftler Kevin Clarke eine Tragik aus den (Miss-)Tönen heraus. Clarke vergleicht die Sängerin mit der realitätsfernen Stummfilm-Diva Norma Desmond aus Billy Wilders Hollywood-Drama "Boulevard der Dämmerung" (1950) und erwähnt Susan Sontags Aufsatz "Notes on 'Camp'", in welchem die Essayistin erläutert, dass reine Camp-Objekte niemals vorsätzlich campy sind, sondern sich durch eine verfehlte, gescheiterte Ernsthaftigkeit in Kombination mit Leidenschaftlichkeit und Übertreibung auszeichnen. Auch der Performance-Künstler Davie Lerner, der Foster Jenkins damals live erleben durfte, empfindet die hingebungsvolle Sopranistin als High Camp, da sie an das, was sie tat, wirklich geglaubt habe. Er kommt zu dem Schluss, man müsse sie dafür respektieren. Die Sängerin, Schauspielerin und Forscherin April Woodall sieht Foster Jenkins indes als Feministin.

Neben diesem dokumentarischen Ansatz bietet "Die Florence Foster Jenkins Story" zum anderen auch Spielszenen. Der US-amerikanische Opernstar Joyce DiDonato nimmt darin die Titelrolle ein; Jan Rekeszus gibt den Journalisten William Key, der die Sängerin vor dem großen Auftritt in der Carnegie Hall interviewt. Auch Personen aus Foster Jenkins' Umfeld – etwa der Lebenspartner St. Clair Bayfield und der Pianist Cosmé McMoon – werden dargestellt. In diesen gut gespielten Passagen arbeitet Pleger sehr überzeugend die eklatante Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung heraus. Überdies feiert der Film in einigen herrlichen tableaux vivants die Extravaganz von Foster Jenkins.

Fazit: Pleger findet einen originellen Zugang zu seiner Protagonistin, indem er vielseitige dokumentarische Einblicke gekonnt mit Spielszenen und Musikeinlagen verknüpft.




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