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Kritik: Brimstone (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Western übt seine Faszination bis heute auf Filmemacher aus aller Welt aus. Wagen sich Europäer an dieses uramerikanische Genre, variieren, revitalisieren oder dekonstruieren sie es oft. Was seine Figuren und deren Vermittlung betrifft, steht nun auch Martin Koolhovens "Brimstone" in einer langen Reihe mit Anti-Western, die uns aus Europa zuletzt Thomas Arslans "Gold" (2013), Andreas Prochaskas "Das finstere Tal" und Kristian Levrings "The Salvation" (beide 2014) brachten. Koolhoven erschafft einen ganz eigentümlichen Mix aus Naturalismus und Manierismus. Liz' (Dakota Fanning) realistischem Alltag in einer von rauer Natur und nicht minder rauen Männern dominierten Welt hebt der Regisseur übernatürliche Elemente unter.

Der Niederländer spielt gleich in mehrerlei Hinsicht geschickt mit den Regeln und Motiven des Genres. Der Fremde (Guy Pearce), der in "Brimstone" von außen in die Gemeinschaft dringt und deren Zusammenhalt und Moral bedroht, ist bei ihm kein Revolverheld, sondern ein Mann Gottes, der die Heilige Schrift allzu wörtlich nimmt. Klassische Westernszenen inszeniert Martin Koolhoven konsequent gegen den Strich, setzt dafür wiederholt an unerwarteten Stellen brutale Höhepunkte. So steigt er bei einer tödlichen Schießerei erst ein, als diese bereits beendet ist, zeigt das Schlachten eines Schweins (und andere, gegen Menschen verübte Grausamkeiten) dafür genüßlich in Nahaufnahme. Koolhovens Verquickung von Glauben und Gewalt zieht eine klare Linie von den niederländischen Auswanderern seines Films bis zu den Waffennarren und Eiferern des amerikanischen Bibelgürtels, so übersinnlich seine männliche Hauptfigur auch anmutet.

Erzählerisch bricht Martin Koolhoven, der auch das Drehbuch schrieb, das Genre durch seine in Kapitel eingeteilte, nonlineare Struktur und durch seinen Fokus auf die weibliche Perspektive auf. Frauen in zentralen Positionen gab es im Western selbstverständlich lange vor "Brimstone". Doch sowohl Barbara Stanwycks Viehbaronin in "40 Gewehre" (1957) und Julie Christies Bordellbesitzerin in "McCabe & Mrs. Miller" (1971) wie Sharon Stones Revolverheldin in "Schneller als der Tod" (1995), um nur einige zu nennen, agierten stets aus einer Position der Stärke heraus oder gewannen wie Jane Fonda in "Cat Ballou" (1965), Raquel Welch in "In einem Sattel mit dem Tod" (1971) und jüngst Natalie Portman in "Jane Got a Gun" (2016) aus ihrer Opferrolle aktiv die Oberhand. Dakota Fannings Liz ist hingegen permanent auf der Flucht. "Brimstone" ist mehr Rape-and-Defense- denn Rape-and-Revenge-Western. Der Regisseur bringt Liz' Lebenslauf in gedämpften, aber kräftigen Farben und minimalistisch ausgestatteten Sets als Leidensweg auf die Leinwand, der jedes vernünftige Maß übersteigt.

Das ist düster und bildgewaltig, durch all die Verweise auf die Bibel aber stets ein wenig (zu) bedeutungsschwanger. Guy Pearce als undurchsichtiger Reverend macht seine Sache großartig, kann wie alle Nebenfiguren den Archetypus seines Charakters aber nicht kaschieren. Bei Dakota Fanning fragt man sich hingegen unweigerlich, ob Mia Wasikowska, die kurz vor Drehbeginn hinwarf, den größtenteils wortlosen Part nicht mit mehr Leben erfüllt hätte. Durch seine Schauwerte läuft "Brimstone" zudem Gefahr, eben jene Strukturen zu stützen, die er kritisieren will. Die Erzählung dieses Films, der ürbigens komplett in Europa gedreht wurde, richtet sich klar gegen religiösen Fanatismus und das Patriarchat. Martin Koolhoven inszeniert die Gewalt gegen deren Anhänger aber in gleichem Maße wie die Gewalt, die von ihnen ausgeht. Der Schlüssel seines kleinen, dreckigen Westerns liegt in seinem Titel. Auf Deutsch heißt "Brimstone" "Schwefel".

Fazit: Martin Koolhovens "Brimstone" ist ein kleiner, dreckiger und sehr eigentümlicher Western. Der Niederländer erzählt den Leidensweg einer gequälten und verfolgten Frau als bildgewaltige Mischung aus naturalistischer Härte und übersinnlichem Spektakel. "Brimstone" hat dabei die Geschichte des Wilden Westens ebenso im Blick wie die Filmgeschichte des Westerngenres. Wer das Nebeneinander von realistisch gezeichneten Figuren und überzeichneten Archetypen sowie eine gehörige Portion Gewalt nicht scheut, wird köstlich unterhalten.




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