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Manche hatten Krokodile
Manche hatten Krokodile
© barnsteiner-film

Kritik: Manche hatten Krokodile (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

In der "Kaffeepause" findet jeder einen Platz. Halb blau, halb braun symbolisiert das Schild über dem Eingang bereits von Weitem, dass hier Fans beider Lager, des Hamburger SV wie des FC St. Pauli, willkommen sind. An der Wand neben den Spielautomaten hängen genügend Schals weiterer Vereine. Auch das "Utspann" macht seine Einlasspolitik bereits an der Türschwelle klar. "Wir bürgen für lauwarme Getränke und schlampige Bedienung. Ein Tritt frei!", steht dort geschrieben. Und im "Hong Kong" am Hamburger Berg wacht eine chinesische Porzellanfigur als guter Hausgeist über seine Gäste. Die drei Kneipen zwischen Reeperbahn und Große Freiheit liegen nur ein paar Gehminuten voneinander entfernt. Sie stehen für ein anderes, ursprünglicheres St. Pauli, leicht abseits des touristischen Amüsierbetriebs.

Regisseur Christian Hornung wohnt selbst in St. Pauli. Seinen Protagonisten folgt er von ihren Wohnungen in ihre Stammkneipen, sieht ihnen beim Kaffeetrinken, Rauchen und Sparen zu. Denn was die drei vorgestellten Lokale und ihre Gäste verbindet, sind die Sparclubs. Statt auf die Bank bringen die Clubmitglieder ihr Geld in kleine, an den Wänden installierte Metallkästen. Der Vorteil gegenüber den großen Instituten: Erst am Jahresende wird ausbezahlt, was all jenen entgegen kommt, die mit ihren Finanzen nicht gut haushalten. Das sind im Grunde alle. Eine anständige Rente hat so gut wie keiner. Dafür haben die Porträtierten in der Vergangenheit zu sorglos gelebt.

Hornung mischt sich nicht ein, lässt seine Protagonisten einfach erzählen. Dann sitzen die Kneipenbesitzer und -besucher, die Friseure, Kellnerinnen, einstige Tagelöhner und Tänzerinnen in wunderschön kadrierten Einstellungen vor Martin Neumeyers Kamera und reden über das Wetter, Fußball, Gott und die Welt. Sind sie erst einmal warmgelaufen, geben sie auch Einblicke in ihr bewegtes Leben, sprechen darüber, wie und wann sie in St. Pauli gelandet sind und wie sich der Kiez verändert hat. Zum Kaffee nehmen nicht wenige auch morgens schon einen Schnaps oder ein Bier oder stecken zu viele Münzen in den Spielautomaten. Manche waren Goldsucher in Südamerika, andere hautnah dabei, als österreichische Zuhälter das Rotlichtmilieu übernehmen wollten. Marietta Solty, die Besitzerin des "Hong Kong", erinnert sich lebhaft an ihren Vater Chong Tin Lam und dessen Verfolgung durch die Nationalsozialisten und ja, manche hatten sogar Krokodile.

Christian Hornungs Film ist eine melancholische Bestandsaufnahme eines Stadtteils im Umbruch. Er ist dabei, wenn Häuserfassaden und Straßenzeilen sich wandeln, Kneipen verschwinden und aus dem legendären Sex-Theater "Safari" an der Großen Freiheit eine hippe Schlagerbude für Touristen wird. Hornungs Ton ist nie wehmütig, sein Blick nie parteiisch. Dieses ebenso einfühlsame wie amüsante Porträt einiger Alteingesessener, die auf dem Kiez eher in der zweiten Reihe standen, macht Hoffnung. Hoffnung, dass dieser bunte Stadtteil, der gerade von seinen Originalen lebt, auch in Zukunft aller Gentrifizierung zum Trotz so vielfältig bleibt.

Fazit: "Manche hatten Krokodile" ist eine Liebesklärung an St. Pauli und dessen Bewohner. Regisseur Christian Hornung wirft einen ungetrübten Blick auf eine (Kneipen-)Welt, die vom Aussterben bedroht ist, und macht doch Hoffnung auf eine bunte Zukunft.




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