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Kritik: Box (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der 1975 in Rumänien geborene Florin Șerban erhielt im Jahre 2010 für sein Jugendgefängnisdrama "If I Want to Whistle, I Whistle" zahlreiche Auszeichnungen; so lief der Film auch überaus erfolgreich als Wettbewerbskandidat auf der Berlinale. In Șerbans neuem Werk "Box" ist die Aggressivität und Wildheit dieser vorherigen Arbeit abermals zu spüren, wenn sich die Erzählung dem 19-jährigen Rafael widmet: Die coming-of-age-Geschichte des jungen, athletischen Mannes entfaltet sich in einem lieblosen Zuhause, das nur aus dem barschen Großvater besteht. Bei seinem Job in der Autowäscherei gerät Rafael mit ungeduldigen Kunden aneinander – und im Boxkampf-Milieu wird er mit einer Korruption konfrontiert, der er sich widerwillig fügen muss, um seine Zukunft nicht zu zerstören. Er ist ein angry young man, den der Leinwanddebütant Rafael Florea mit starker Präsenz verkörpert.

Die von Hilda Péter gleichfalls überzeugend interpretierte Cristina bringt mit ihrer problematischen Ehesituation sowie ihrer beruflichen Frustration wiederum ganz andere Themen in die Handlung ein, denen sich Șerban mit ebenso viel Interesse zuwendet. Wenn die 34-Jährige geistesabwesend in den Theaterproben zum Anton-Tschechow-Stück "Drei Schwestern" sitzt und von ihrem Regisseur bloßgestellt wird, sind das äußerst intensive Momente. Die Sequenzen der unglücklichen Ehe haben indes eine fast dokumentarische Qualität.

Das Drehbuch lässt Rafael und Cristina – diese sehr unterschiedlichen, kaum kompatiblen Figuren – aufeinandertreffen und deutet eine obsessive Liebe an, die Șerban mit seinem Kameramann Marius Panduru gelungen einfängt. Wenn Rafael Cristina durch die Gassen der Stadt folgt, entstehen herrliche Aufnahmen eines diffusen Begehrens. Die dynamische Bildkomposition einer seltsam-intimen Szene zwischen den beiden im öffentlichen Bus ist besonders bemerkenswert.

Ohne übertriebene Dramatik und Zuspitzungen der Geschehnisse schildert Șerban den Drang, seinem Dasein zu entkommen und etwas zu finden, was tatsächlich erfüllend ist. Das gemächliche Tempo der Narration sowie, nicht zuletzt, das (Zusammen-)Spiel von Péter und Florea machen aus "Box" einen faszinierenden Beitrag zur Neuen Rumänischen Welle, zu welcher auch die Werke von Autorenfilmern wie Călin Peter Netzer ("Mutter & Sohn", 2013), Corneliu Porumboiu ("Der Schatz", 2015) oder Cristi Puiu ("Sieranevada", 2016) zählen.

Fazit: Ein Film über das innige Sehnen nach einem Ausbruch – mal sachte und still, mal hart und beinahe unerbittlich, doch stets wahrhaftig und gut gespielt.





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