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Kritik: Axolotl Overkill (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Mit "Axolotl Overkill" hat die 1992 geborene Helene Hegemann ihr 2010 publiziertes, von Plagiatsvorwürfen begleitetes Werk "Axolotl Roadkill" als writer-director für die Leinwand adaptiert – und liefert dabei so viel mehr als einfach nur eine gängige Literaturverfilmung! Die Vorlage kann als Anti-Bildungsroman bezeichnet werden, in welchem die Autorin und die Protagonistin jedweder konventionellen Bildung sprachmächtig und konsequent den Mittelfinger entgegenstrecken – und die filmische Umsetzung steht dieser Radikalität in nichts nach; Hegemann nutzt dafür nun jedoch schwerstvirtuos die besonderen Techniken des Kinos, wodurch sie etwas völlig Neues erschafft, das den Kern des Romans dennoch zu treffen vermag.

Die Bilder, die Hegemann gemeinsam mit ihrem auf dem Sundance Film Festival zu Recht ausgezeichneten Kameramann Manuel Dacosse findet, erfassen den Exzess und die Tristesse, die das Dasein der 16-jährigen Mifti gleichermaßen bestimmen, sehr eindrücklich und originell – Montage und Musikeinsatz (etwa die Verwendung des Songs "Me And The Devil") sind in ihrem esprit libre und ihrer Zügellosigkeit großartig. Traum und Wirklichkeit sind in der Erzählung so eng miteinander verquickt, dass eine Unterscheidung für uns als Zuschauer_innen kaum möglich ist. Dies hat den wunderbaren Effekt, dass diverse Absurditäten (etwa ein in der Wohnung herumwatschelnder Pinguin oder ein im Wald vor sich hin grasendes Einhorn) sich ganz organisch in das urbane Treiben einfügen. Bei aller Anmutung eines modernen, düsteren Märchens zeichnet sich "Axolotl Overkill" aber auch durch äußerst präzise gezeichnete Figuren und Milieus aus; die Dialoge sind klug und witzig geschrieben, das Schauspiel ist bis in die Nebenrollen gelungen.

Als Zentrum der Geschehnisse ist Jasna Fritzi Bauer ("Scherbenpark") eine Sensation; ihre facettenreiche Darbietung der renitenten Mifti steckt voller Energie. Flankiert wird sie von einem spielfreudigen Ensemble: Laura Tonke ("Hedi Schneider steckt fest") setzt als stets unzufriedene, jedoch um positive Veränderung bemühte Halbschwester einen tragikomischen Kontrapunkt zur driftenden Hauptfigur; Mavie Hörbiger ("LiebesLuder") verblüfft als unberechenbare Nachwuchsaktrice Ophelia in jeder Szene aufs Neue – und Arly Jover ("Das Imperium der Wölfe") liefert als amouröses Rätsel in Miftis Leben ebenfalls eine sehenswerte Performance. Sämtliche Figuren des Films verstehen es, uns zu irritieren und unser Interesse an ihrem zumeist abseitigen Denken und Fühlen zu wecken und aufrechtzuerhalten.

Fazit: Eine wilde Reise durch Berliner Nächte, familiäre Dysfunktion und emotionales Chaos. Hemmungslos, leidenschaftlich – und mit einer brillanten Hauptdarstellerin.




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