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FBW-Bewertung: Leanders letzte Reise (2016)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Drei Generationen einer deutschen Familie. Man lebt getrennt und vor allem spricht man nicht zusammen. Scheinbar hat man sich nichts zu sagen oder will seine eigenen Geheimnisse nicht offen legen. Und vielleicht hat man ja auch einfach aufgehört zu fragen. Besonders schweigsam dabei ist der nun 92jährige Großvater Leander, der wohl sein Leben lang mit seiner Ehefrau nur das Nötigste sprach. Nun ist sie gestorben und für Leander ist der Zeitpunkt gekommen, auch mit seinem eigenen Leben ins Reine zu kommen. Die Spurensuche nach seiner Vergangenheit im Zweiten Weltkrieg als Kommandant einer Kosakeneinheit in der Ukraine, nach seinen eventuellen schuldhaften Verstrickungen dort und gleichzeitig die Suche nach der einen wahren Liebe in seinem Leben, führen ihn in die Ukraine zur Zeit des Bürgerkrieges im Jahre 2014. Und dass seine Tochter und vor allem seine Enkelin in das letzte Abenteuer seines Lebens so verstrickt werden, wollte er selbstverständlich nicht, aber hat es andererseits auch voll zu verantworten. Wenn man so will, ist dieser Film eine Parabel für die Geschichte so vieler deutscher Familien, die noch durchNaziherrschaft, Kriegsschrecken und Holocaust geprägt wurden. Zumindest in der noch überlebenden Großväter-Generation. Dass die Ukraine in der Geschichte, nicht nur in der des Zweiten Weltkrieges, eine besondere Bedeutung auch für Deutschland hat, ist unbestritten, und eine Einbeziehung von historischen wie auch aktuellen Geschehnissen in der Ukraine bereichern diesen Film.

Ein gut recherchiertes Drehbuch verbindet diese historischen und aktuellen Bezüge sehr geschickt und gibt auch interessante Einblicke in familiäre Konflikte in der Ukraine ? ein gespaltenes Land zwischen nationalen und russischen Interessen und Einflüssen. Die Erzählsprache mag manchmal etwas lehrhaft sein und der Beginn des Films wirkt in den Dialogen auch etwas hölzern. Im Lauf des Films bekommt dieser dann aber deutlich Schwung und Spannung, was vor allem dem sehr guten Spiel des gut gewählten Schauspieler-Ensembles zu verdanken ist. Jürgen Prochnow spielt auf eindrucksvolle Weise den großen Schweiger, der sich aber am Ende seiner Suche mehr und mehr seinerEnkelin zu öffnen vermag und schließlich auch seinen ganz persönlichen Frieden findet, indem er sich eindeutig seine große Schuld im Kriege zusprechen lässt. Jeden Tag, so sagt er, seit den Tagen in der Ukraine, hat ihn diese Schuld verfolgt. Petra Schmidt-Schaller glänzt als spröde und bindungsunfähige junge Frau, die aber auf der schicksalsträchtigen Reise durch die Ukraine zu sich und auch ihrer Familie zurückfindet. Ein besonderes Lob verdient auch Tambet Tuisk als Lew, die große und unverzichtbare Hilfe auf der Reise. Ausstattung, musikalische Begleitung und auch die gute Kamera sind weitere positive Merkmale dieses sicher inszenierten Werkes.



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