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FBW-Bewertung: Der Himmel wird warten (2016)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Die Regisseurin Marie-Castille Mention-Schaar greift in DER HIMMEL WIRD WARTEN ein hochbrisantes Thema auf. Wie können Töchter, die sich, von ihren Eltern unbemerkt, radikalisiert haben und bereit sind in den Dschihad zu ziehen, zurückgewonnen werden? Die Gespräche einer Gruppe verzweifelter Eltern mit Dounia Bazar ziehen sich als roter Faden durch das dokumentarisch anmutende Drama. Die Expertin Bazar, die auch im echten Leben die Opfer von IS Menschenfängern berät, trägt viel zum aufklärerischen Mehrwert des Films bei.

Im Mittelpunkt stehen zwei Mädchen aus gut situierten Mittelstandsfamilien. Die 17jährige Sonia wird unter dem Verdacht verhaftet, ein Attentat geplant zu haben. Das Mädchen ist überzeugt, dass nur ihr Einsatz im Dschihad ihre ?ungläubigen? Eltern und ihre kleine Schwester ins Paradies bringen könne. Unter strengen richterlichen Auflagen ? kein Internet, kein Telefon, ständige Bewachung ? darf Sonia im Hausarrest bei ihrer Familie bleiben.

Während Sonia bereits radikalisiert ist, wird am Beispiel der 16jährigen Mélanie der langsame Sog der Manipulation gezeigt. In einem Internet-Forum trifft sie auf einen jungen Mann, der sensibel auf ihre Trauer über den Tod der Großmutter eingeht, ihr Komplimente macht, ihr Filme von bei Bombenangriffen getöteten islamischen Kindern zeigt, und der sie schließlich heiraten will. Die Mechanismen der IS-Anwerbung funktionieren bei Mélanie, die sich immer mehr aus ihrem bisherigen Leben zurückzieht, zum Islam konvertiert und bereit ist nach Syrien zu gehen.

Das doppelte Ende ist traurig und hoffnungsvoll zugleich. Während Sonia allmählich den Weg aus dem Fanatismus findet, wird Mélanies Mutter wohl vergeblich auf die Rückkehr der Tochter hoffen. ?Keine Minderjährige ist bisher aus Syrien zurückgekommen? weiß Dounia Bazar.

Der Filmüberzeugt durch die sensible und differenzierte Behandlung des heiklen Themas ohne erhobenen Zeigefinger und einfachen Lösungen. Bei den beiden Protagonistinnen hätte sich die Jury ein wenig mehr Charaktertiefe gewünscht, insbesondere die Darstellerin der Mélanie konnte die Jury nicht durchwegüberzeugen. Indem die Kamerabilder häufig verengt wirkende Räume evozieren, wird die Verengung der Lebenswelt der beiden Mädchen einleuchtend visualisiert. Die dezent eingesetzte Musik ist stimmig, hämmernd und laut wird es bei den realen Videoaufnahmen. DER HIMMEL WIRD WARTEN ist ein wichtigerFilm in der aktuellen Debatte und hat nach Meinung der Jury das Prädikat ?besonders wertvoll? verdient.




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