VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Die Verführten
Die Verführten
© Universal Pictures International Germany

Kritik: Die Verführten (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Die Verführten" ist eine Neuverfilmung des Psycho-Dramas "Betrogen", in dem Clint Eastwood 1971 die Hauptrolle spielte. Beim (recht freien) Remake führte Sofia Coppola Regie, die auch das Drehbuch verfasste. Für die Tochter von Regie-Altmeister Francis Ford Coppola ("Apocalypse now") ist es der siebte Spielfilm. In Cannes wurde die Regisseurin in diesem Jahr dafür mit dem Preis für die "Beste Regie" gezeichnet. Die Dreharbeiten, die auf einer Plantage in Louisiana stattfanden, waren Ende 2016 in nur fünf Wochen beendet. Das Budget betrug rund zehn Millionen Dollar.

Optisch und Ausstattungs-technisch ist Coppolas Neuverfilmung des viel zu lange unterschätzten Films "Betrogen" (so der deutsche Verleihtitel des Originals), eine Wucht. Dass die Filmemacherin ihren Schwerpunkt auf Ästhetik und Visualität gelegt hat, sieht man dem Film in jeder Szene und Sequenz an. Hielte man den Film an irgendeiner beliebigen Stelle an, könnte man sich das so entstehende Standbild als kunstvolles Gemälde an die Wand hängen – so erlesen sowie authentisch sind Requisiten und Kostüme und so exquisit und perfekt aufeinander abgestimmt sind die einzelnen Einstellungen.

In all ihrer Detailversessenheit und Akribie bei der visuellen Ausgestaltung ihres Werks, hat Coppola ein wenig das Erzählerische vernachlässigt. Vor allem was die Beziehungen der Frauen untereinander und deren einzelne Vorgeschichten, betrifft. Warum handeln die Frauen wie sie handeln? Was sind die individuellen Motivationen? Oder: wie kamen sie überhaupt in dieses vergessene Internat, das abseits jeglicher Zivilisation und umgeben von einem Wald, für den verletzten Soldaten Himmel (in der ersten Hälfte) und Hölle (in der zweiten Hälfte) zugleich ist? Auf die Beantwortung dieser Fragen legte Don Siegel, Regisseur des Originals, deutlich mehr Wert.

Allerdings: Coppola wollte nie ein 1:1-Remake inszenieren. Sie verleiht ihrem Film mit ihren konsequenten Änderungen auch eine ganz eigene drastisch (und explizit feminine) Note. Denn im Zentrum steht hier zu keiner Zeit der charmante, freundliche Nordstaatler sondern das, was seine Anwesenheit und seine sexuellen Reize, die zweifelsfrei von ihm ausgehen, mit den Frauen machen. Eine Gruppe von Frauen, die sich – wie sich später herausstellt – als verschworene Gemeinschaft entpuppt – um am Ende bitterböse Rache an ihrem Verführer nehmen. Der Soldat hat dabei zu keiner Zeit eine Chance, sich seinen "Retterinnen" zu widersetzen und ihnen zu entkommen. Er ist ihnen schlicht ausgeliefert. In den meisten anderen Hollywoodfilmen, ergeht es den weiblichen Figuren so – schön, dass Coppola dies einmal radikal ins Gegenteil verkehrt.

Fazit: Visuell berauschende, ausgeklügelte und mit ebenso überraschenden wie (zumeist) gelungenen Änderungen ausgestattete Neuverfilmung, welche die typischen Geschlechterrollen konsequent ins Gegenteil verkehrt.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.