VG-Wort

oder

FBW-Bewertung: Das schweigende Klassenzimmer (2017)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Was macht Lars Kraumes DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER zu einem bemerkenswert außergewöhnlichen Film?
Im Gegensatz zu einer Reihe von Filmen, welche versuchen, die DDR-Historie aufzuarbeiten, führt diese authentische Geschichte in eine Zeit der noch jungen DDR, drei Jahre nach dem Volksaufstand von 1953. Ein Land, das noch an der Aufarbeitung einer Epoche von Krieg und Verbrechen arbeitet, aber bereits auch einen gewissen Aufschwung vorzuweisen hat. Schlecht geht es den Menschen nicht, auch wenn eine persönliche Meinungsfreiheit nicht zugelassen wird ? der Staat bestimmt, was für seine Bürger gut ist und dem hat man sich zu unterordnen. Eine privilegierte Klasse von Schülern, kurz vor dem Abitur, muss sich wegen ihrer Zukunft keine großen Sorgen machen, auch wenn sich die Ohren den Nachrichten und der Musik aus dem Westradio gerne öffnen. Und so wird aus einer scheinbar unpolitischen Gruppe junger Frauen und Männer eine solidarische Einheit von Menschen, die den Revolutionären und Toten des Aufstandes in Ungarn ihren Respekt und ihre Achtung mit einer Schweigeminuteerweisen wollen. Und daraus wird dann ein Politikum, das eine Stadt erschüttern wird und bis in höchste Regierungskreise reicht.
Dramaturgisch wird genau dann der Film auf besondere Weise spannend. Der Schul- und Staatsapparat versucht zunächst die angebliche Konterrevolution auf niedriger Stufe zu halten, in dem man einen ?Schuldigen? oder ?Rädelsführer? ermitteln lässt. Doch die Schulklasse bleibt standhaft und trägt solidarisch die Konsequenz und dies lässt die Situation eskalieren. Das ist die eine Seite der gut funktionierenden Dramaturgie. Die andere, und vielleicht sogar noch interessantere, widmet sich dem familiären Background der Schüler. Sehr genau zeigen sich Familienbilder, bei denen vor allem die Väter durch ihre Vergangenheit im Staatsgefüge, in Parteien und in Krieg und Nachkriegszeit, sehr unterschiedliche Positionen eingenommen haben. Das führt zu Konflikten mit ihren Kindern und zu ganz unterschiedlichem Einschätzungen zu der schulischen ?Revolution?. Auf dieser zweiten Erzählebene bietet sich dem Zuschauer ein sehr differenziertes Zeitbild von bürgerlichem Leben in der DDR, den unterschiedlichen Verhaltensmustern der Staatsobrigkeit gegenüber und der scheinbaren Akzeptanz oder Ablehnung des von ?oben? angeordneten Verlustes von Meinungsfreiheit.
Ein hervorragendes Drehbuch, dessen authentische Handlung auf den Erlebnissen eines tatsächlichen Zeitzeugen basiert, bietet glaubhafte Dialoge. Die Charaktere der Schüler, ihrer Familienangehörigen und auch der Vertreter von Schul- und Parteiführung sind bestens besetzt und ihr Spiel eindrucksvoll, wobei besonders auch die jungen Schauspieler zu loben sind. Eine gute Kameraführung und die gelungene Ausstattung sind weitere Pluspunkte in diesem sehr gut montierten und sicher inszenierten Film. Ein Film, der allen Altersgruppen einen spannenden und sehr wichtigen Einblick in ein Stück Zeitgeschichte in ein Land bietet, das selbst schon Geschichte ist, und gleichzeitig ein Film, der auch zu berühren vermag.



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