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Kritik: Ein Kuss (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Als Co-Autor diverser Filme befasste sich der Italiener Ivan Cotroneo bereits einige Male mit großen Gefühlen: So ließ er etwa Tilda Swinton im Melodram "Ich bin die Liebe" (2009) durch ein emotionales Chaos taumeln, während es in der romantischen Tragikomödie "Männer al dente" (2010) um Coming-outs sowie um amouröse Wirrnisse ging und in "Für immer eins" (2015) die Liebesbeziehung zwischen zwei Frauen auf die Probe gestellt wurde. Auch "Ein Kuss" – Cotroneos dritte Regiearbeit, zu welcher er gemeinsam mit Monica Rametta das Drehbuch verfasste – schlägt hohe Gefühlstöne an. Das Werk begibt sich in die paradiesische Hölle der Schulzeit und taucht tief in die Außen- und Innenwelt seiner drei adoleszenten Hauptfiguren ein. Mit treffender Musik – von Placebo bis Lady Gaga –, modischen Wagnissen und reichlichem (Wort-)Witz lässt uns "Ein Kuss" an den schönen, wilden und bittersüßen Seiten des Jungseins teilhaben, wendet sich aber ebenso intensiv dem Düsteren zu.

Das Skript entwirft drei spannungsreiche, komplexe Teenagerrollen, denen die Inszenierung gleichermaßen gerecht wird. Der von dem Leinwanddebütanten Rimau Ritzberger Grillo mit Charisma verkörperte Lorenzo imaginiert sein erstes Betreten des Schulgeländes als umjubelten Star-Auftritt in bunten Farben, was sich rasch als dessen bewährte Bewältigungsstrategie gegen Beschimpfungen und Homophobie entpuppt. Immer wieder träumt sich der junge Mann die Anerkennung herbei, die ihm unter Gleichaltrigen und vonseiten der Lehrerschaft vorenthalten bleibt. Zugleich geht Lorenzo allerdings in die Offensive, indem er sich schlagfertig zeigt und sich mit auffällig-extravaganter Kleidung sowie lackierten Fingernägeln gar nicht erst zu verstecken versucht. Durch Voice-over und das glaubwürdige Spiel von Valentina Romani wird uns auch Blu schnell nahegebracht; bei dem von Leonardo Pazzagli interpretierten Antonio sind hierfür vor allem die beklemmenden Szenen verantwortlich, in welchen der Jugendliche mit seinem verstorbenen Bruder kommuniziert und auf diesem Wege seine widersprüchlichen Empfindungen zum Ausdruck bringt. Bei allen drei Figuren wird ein überzeugender familiärer Hintergrund gezeichnet: Lorenzos Adoptiveltern sind bemüht, sich möglichst aufgeschlossen zu geben (was zu einigen der lustigsten Dialoge des Films führt), Blu möchte ihre Mutter indes in einer seltsamen Umkehrung des Mutter-Kind-Verhältnisses vor Enttäuschungen schützen und Antonio fühlt sich von den Erwartungen und Ängsten seiner Eltern unter Druck gesetzt.

Während "Ein Kuss" in den Passagen, in denen aus Lorenzo, Blu und Antonio ein Trio wird, an die wunderbaren Coming-of-Age-Dramödien von John Hughes – etwa "The Breakfast Club" (1985) – erinnert, lässt das Werk im Laufe der Handlung eher an die verstörend-ernsthaften Arbeiten von Gus Van Sant, zum Beispiel "Elephant" (2003) oder "Paranoid Park" (2007), denken. In beiden Assoziationen wird jedoch deutlich, dass Cotroneo einen gelungenen Beitrag zum Adoleszenzkino geleistet hat.

Fazit: Ein emotionaler, mitreißender Film über Jugend, Mobbing, Freundschaft und Liebe mit interessant gestalteten Figuren und einem Schauspiel-Trio, das über starke Ausstrahlung verfügt.





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