VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Happy
Happy
© Zorro Film © 24 Bilder

Kritik: Happy (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Bekanntheit erlangte Regisseurin und Autorin Carolin Genreith 2013 mit ihrem Debütfilm "Die mit dem Bauch tanzen". Damals stand ihre Mutter im Zentrum der filmischen Betrachtung, die in reifen Jahren im Bauchtanz eine neue Leidenschaft fand. Genreith stellte schon damals Fragen, die immer wieder auch – in etwas abgewandelter Form und von anderer Perspektive aus – in "Happy" auftauchen. Was ist Glück? Wie geht man am besten mit dem Älterwerden um? Wie kann man die Lust am Leben beibehalten? Das Werk wurde auf der Berlinale gezeigt, erfuhr eine (nicht unerfolgreiche) Kino-Auswertung und lief auch im deutschen TV. Für "Happy", ihrer vierte Regie-Arbeit, verfasste sie auch das Drehbuch.

Für Carolin Genreith ist es erst einmal nicht allzu leicht zu verdauen als sie erfährt, dass ihr Vater auch ein "Farang" sein soll. Der thailändische Begriff bezeichnet u.a. westliche Männer, die ihr Liebesglück in Thailand suchen. Auch Dieter Genreith ist ein solcher "Farang". Irgendwann entschloss sich die Regisseurin, sich diesem Thema mit dem zu nähern, wovon sie am meisten versteht: mit der Kamera, in Form eines Films. Obwohl sie das Thema natürlich persönlich direkt betrifft, geht sie kritisch mit der ganzen Sache um – und stellt ihrem Vater ebensolche kritischen, unangenehmen Fragen. Aber, und das ist ein großer Pluspunkt, sie betrachtet das Thema von allen Seiten: aus der Sicht ihres Vaters, aus der Perspektive seiner thailändischen Freundin Tukta, aus ihrer eigenen aber auch aus dem gesellschaftlichen Blickwinkel.

"Hat man das als Mann in deinem Alter überhaupt noch nötig?" ist z.B. eine von vielen, direkten Fragen, mit denen sie ihren Vater konfrontiert. Man merkt ihr an, dass sie sich noch längst nicht mit dem Gedanken an eine künftige thailändische Stiefmutter abgefunden hat: Eine Frau, die sogar jünger ist als sie selbst und die seit Jahren von ihrem Vater 200 Euro im Monat überwiesen bekommt. Handelt es sich dabei nicht um eine – moderne – Form von Prostitution? Eine Art Abkommen zwischen älterem Mann und jüngerer Frau, die auf einer "win-win"-Situation fußt (Geld gegen Liebe)? Beim Betrachten des Films wirft sie all diese Fragen auf und veranlasst, dass sich auch der Zuschauer mit diesen Punkten auseinandersetzt.

Dennoch: auch die Argumente von Dieter Genreith haben ihre Berechtigung und klingen nachvollziehbar. Er sehne sich danach, endlich wieder geliebt und begehrt zu werden. Mit deutschen Frauen hätte er es versucht, erfolglos. Tukta gebe ihm das, wonach er sich sehnt: Sexualität, Intimität, Nähe. Dinge, die im Übrigen keine Frage des Alters sind. Dieter Genreith erweist sich als offener, sympathischer Zeitgenosse, der sich auf Diskussionen durchaus einlässt und sich – ruhig und abgeklärt – die Meinung und Sichtweisen seiner Tochter genau anhört. Hinzu kommt, dass sich alle Beteiligten unverstellt und ungekünstelt vor der Kamera präsentieren. Sie scheint unsichtbar zu sein, was für die Unmittelbarkeit und Authentizität essentiell ist.

Die Kamera ist dennoch stets mitten im Geschehen (ob am Esstisch, bei Telefonaten oder beim Besuch von Tuktas Familie in Thailand) und vermittelt ein realistisches Bild von der Beziehung zwischen Dieter Genreith und seiner Tukta. Aber auch vom Umgang zwischen Vater und Tochter. Eine Tochter, die vielleicht nie ganz ihren Frieden mit alledem schließen wird aber letztlich auch nicht leugnen kann, wie gut diese "Liebe" ihrem Vater letztlich tut.

Fazit: Ehrliche, sympathische und sehr persönliche Doku, die der Frage auf den Grund geht, was genau Liebe eigentlich ist und ob es nicht auch alternative Beziehungsmodelle geben kann, die auf eine andere Art glücklich machen.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.