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FBW-Bewertung: Die Abmachung (2015)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: In der Eingangsszene streift die Kamera durch ein gehobenes Wohnviertel entlang diverser Häuser in unterschiedlichem Zustand, bis sie vor Stines Haus halt macht. ?Ich mag Ihr Haus?, sagt Roger zu Beginn, als Stine ihn nach den Motiven für seinen kostenlosen handwerklichen Einsatz fragt. Man kann es verstehen, denn die 60er-Jahre-Villa ist wirklich stilvoll gestaltet und ausgestattet. Der Doppelsinn dieser Aussage und die Abgründe, die dahinter lauern, werden Stine ? und dem Zuschauer ? erst allmählich deutlich.

Zunächst geht es um die Reparatur der Heizung. Hierfür gibt es eine klare Abmachung: Roger repariert, und Stine zahlt, wenn sie wieder Geld hat. Für Stine ist das verlockend, denn das Haus ist in die Jahre gekommen. Sie müsste investieren, aber dazu ist sie aufgrund ihrer emotionalen und finanziellen Situation nach dem Tod ihres Mannes nicht in der Lage. Die Abmachung mit Roger erlaubt ihr, ihr Haus und ihre gutbürgerliche Existenz zu bewahren. Bald kommt eine gewisse sexuelle Anziehung hinzu; Stine fühlt sich auch als Frau bestätigt. Sie macht einen Schritt zurück ins Leben, aber auch inein fatales Abhängigkeitsverhältnis, denn Roger dehnt seine Aktivitäten eigenmächtig immer weiter aus. Er ist stets präsent, häufig in Begleitung seines Sohnes Kevin, und startet immer neue, äußerst eigenwillige Baumaßnahmen. Das Haus wird zur Großbaustelle, während die Heizung immer noch nicht funktioniert. Stine wird das unheimlich: Sie beginnt, an Rogers handwerklicher Kompetenz und an seinen Absichten zu zweifeln. Sie möchte ihm Grenzen setzen, schafft es aber nicht, sich aus der Abhängigkeit zu befreien. Die Konflikte eskalieren, aber erst, als das Verhältnis zu ihrer Tochter darüber zu zerbrechen droht, ist sie bereit, die Abmachung mit Roger endgültig aufzukündigen. Doch auch Roger hat seinen Traum vom bürgerlichen Heim, den er sich unter keinen Umständen nehmen lassen will. Es kommt zum erbitterten Kampf um das Haus und die persönliche Integrität, der nur inZerstörung enden kann. Allerdings stellt sich dabei auch heraus, dass die bürgerliche Fassade bereits vorher einige Risse hatte.

Sehr geschickt entwickelt Autor und Regisseur Peter Bösenberg aus einer alltäglichen Situation ein sich immer weiter zuspitzendes, nervenaufreibendes Psycho-Drama, das mitunter Momente und Überraschungseffekte des Horrorfilms enthält. Die Geschichte ist stringent erzählt, legt aber gekonnt auch einige falsche Fährten aus, die die allgemeine Verunsicherung steigern. Die Perspektive liegt auf Stine, deren zunehmende Irritation und Wehrlosigkeit bis zum allmählichen Abgleiten in einen wahnähnlichen Zustand von der dänischen Schauspielerin Stine Stengade hervorragend verkörpert wird. Der Zuschauer fühlt mit ihr, während die Motive und Hintergründe von Roger, der in seiner Ambiguität von Alex Brendemühl ebenfalls sehr gut dargestellt wird, bis zum Schluss im Ungewissen bleiben. Überzeugend sind auch die jungen Darsteller Antonia Lingemann und Robert Alexander Baer als Stines rebellische Tochter Stefanie bzw. Rogers emotional gestörter Sohn Kevin, die jeweils auf ihre Weise gegen das Verhalten der Erwachsenen opponieren. Am Ende führen sie die Entscheidung herbei. Eine weitere Hauptrolle spielt das Haus als Sinnbild der bürgerlichen Existenz, das sich in seiner Reparaturbedürftigkeit geradezu anbietet für Rogers mannigfache Aktionen und Attacken. Das wird von der Kamera exzellent in Szene gesetzt. Schnitt, Ton und Musik unterstreichen die sich steigernde unheimliche Stimmung, die den bürgerlichen Traum zum Horror werden lässt. DIE ABMACHUNG ist intelligenter Thriller und intensives Psycho-Drama zugleich und hält den Zuschauer bis zum Schluss in Atem.



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