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Django - Ein Leben für die Musik
Django - Ein Leben für die Musik
© Weltkino Filmverleih / Roger Arpajou

Kritik: Django - Ein Leben für die Musik (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Ein Mann steht in einem Ruderboot in der Seine, angelt, genießt die Sonne auf seiner Haut und genehmigt sich einen ordentlichen Schluck aus der Pulle. Da ruft ihn ein Mann am Ufer, packt ihn in ein Auto, fährt ihn zu einem Konzertsaal, wo er in feine Klamotten gesteckt und ihm dann eine Gitarre in die Hand gedrückt wird. Er wird genötigt, auf die Bühne zu kommen, vor einen vollbesetzten Saal voller ungeduldiger Zuschauer, die ihn mit großem Applaus empfangen. Und der Mann, der eben noch voll wie eine Haubitze wirkte und davon schwafelte, wie er die gefangenen Fische zubereiten werde, spielt. Spielt traumhaft und bringt den Saal zum Toben. Denn dieser Mann ist Django Reinhardt.

Etienne Comar hat mit diesem französischen Drama sein Regiedebut vorgelegt. Als Drehbuchautor ("Mein ein, mein alles") und Produzent gehört er schon seit Ende der Neunziger zur Filmindustrie unseres Nachbarlandes. Seine Werke "Timbuktu" von 2014 und "Von Menschen und Göttern" von 2010 haben jeweils einen César als "Bester Film" gewonnen. Hier adaptiert er den Roman "Folles de Django" des französischen Autoren Alexis Salatko und konzentriert sich auf das Jahr 1943 im Leben des begnadeten Musikers.

Frankreich ist von den Deutschen besetzt, und Django kann von allen gefeiert und umjubelt die Musik spielen, die im Dritten Reich als "entartet" verboten werden würde: Blues und Jazz, "Affenmusik", wie ein Deutscher zürnt. Doch gerade in Paris herrscht eine Atmosphäre des Laissez-faire, und in Konzerten des Gitarristen sitzen auch deutsche Soldaten bis hoch zu Offizieren und wippen begeistert mit. Umgekehrt schert sich Django nicht um das Weltgeschehen. Als er Filmbilder von Adolf Hitler sieht, muss er seinen Nachbarn fragen: "Wer ist der Clown?"

Doch die Situation ändert sich, als die Deutschen darauf drängen, dass Django (Reda Kateb) für eine Tournee nach Deutschland kommen soll - nicht ohne ihm und seinen Mitstreitern vom Quintette du Hot Club de France einen ganzen Katalog vorzuschreiben, welche Musik und welche Stile sie gerade nicht spielen dürfen. Django's Geliebte Louise de Klerck (Cécile De France) rät ihm von der Tournee ab, obwohl seine Familie und sein Manager - die Geldscheine vor Augen - ihn drängen, das Angebot anzunehmen: Er solle sich nicht zum Zirkusaffen machen. Später führt sie gewichtigere Gründe an, die Tour nicht anzutreten: Django, der aus seiner Zigeunerherkunft kein Geheimnis macht, sei in tödlicher Gefahr. Immer mehr Menschen würden von den Deutschen ermordet oder würden spurlos verschwinden. Sie rät ihm zur Flucht in die Schweiz und vermittelt einen Fluchthelfer.

Doch an der Schweizer Grenze angekommen, hängen Django, seine Mutter (Bim Bam Merstein) und seine schwangere Frau (Beata Palya) fest. Der Fluchthelfer wartet auf einen bestimmten günstigen Zeitpunkt, von dem Django nicht weiß, wann dieser kommen wird. Zunehmend frustriert wird die Lage für ihn und seine Familie immer gefährlicher.

Comar erzählt die Geschichte vom Fluch und Segen eines Jahrhunderttalents, den seine Begabung einerseits schützt, dessen Popularität und Unbefangenheit - "Ich bin nur ein Musiker", sagt er in einem Verhör - ihn aber auch exponiert und angreifbar macht. Reda Kateb spielt das wunderbar: Django ist eine "Leck mich doch"-Attitüde zur zweiten Natur geworden, und Kateb verkörpert das so glaubwürdig und ohne Mätzchen, wie er an der Gitarre zaubert. Zugleich zeigt er ebenso überzeugend den Umdenkprozess eines Mannes, der zu verstehen beginnt, dass die Gitarre ein allzu schwaches Instrument gegen die "Teufel", wie ein anderer Zigeuner die Deutschen nennt, ist. Da er fast durchgängig auf der Leinwand zu sehen ist, ist dies ein gutes Pfund, mit dem der Film da aufwarten kann.

Zur Glaubwürdigkeit trägt ebenfalls bei, dass die deutschen Rollen auch mit deutschen und im Original Deutsch sprechenden Schauspielern besetzt sind, die ihrerseits die Mischung aus stocksteifer Bürokratenmentalität und unterschwellig bedrohender Gewaltbereitschaft fein austarieren.

Die musikalischen Einlagen, gespielt von der niederländischen Jazzband The Rosenberg Trio sind famos. Doch die eigentliche Handlung und deren Inszenierung bleibt bis auf wenige Ausnahmen - so die kurze, großartige Szene, in der die zu Django's Musik tanzenden Deutschen aus der Perspektive eines 100 Prozent-Nationalsozialisten gezeigt werden - recht brav und bieder. Zwar ist es angenehm, wenn nicht durchgängig auf die Regiepauke gehauen wird, aber dass es hier um Leben und Tod geht, erschließt sich dem Zuschauer eher durch dessen historisches Vorwissen, weniger durch die Bilder auf der Leinwand.

Dass das Finale mit der historischen Realität wenig gemein hat - und gerade hier auch recht nüchtern und überraschungsarm abläuft - muss per se ja nichts Nachteiliges sein. Aber der Regisseur hat wie so viele Filmemacher das Problem von Filmen mit historischen oder zeitgenössischen Figuren, dass das Leben nicht der Dramaturgie eines Films folgt. So hört die Geschichte hier mit einem Abbinder mit den unvermeidlichen Texttafeln einfach auf, der vom Tonfall her wenig zu den vorherigen Szenen passt und die vielleicht intendierte berührende Wirkung nicht erreicht.

Fazit: Stark gespieltes, phasenweise involvierendes Drama, das aber allzu nüchtern und dramaturgisch stockend vorwärts kommt. Die Musik hat Verve, die Bilder und die Atmosphäre nur gelegentlich.





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