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Schnell wie der Wind
Schnell wie der Wind
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Kritik: Schnell wie der Wind - Giulias großes Rennen (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Schnell wie der Wind" ist eine Mischung aus Sportfilm und (Familien-)Drama und stammt vom Italiener Matteo Rovere. Für den aus Rom stammenden Regisseur ist es der erste Langfilm seit sechs Jahren. Sein letztes Werk war die Tragikomödie "Drifters" (2011). Für fast alle seine Kurz-, Dokumentar- und Spielfilme, verfasst der 35-jährige seine Drehbücher selbst. Für "Schnell wie der Wind" ließ sich Rovere vom Leben der italienischen Rallye-Legende Carlo Capone inspirieren. Capone wurde 1984 Rallye-Europameister. Ein Jahr später beendete er seine Karriere – mit 28 Jahren.

"Schnell wie der Wind" hat das Glück, über einen gut aufgelegten Cast zu verfügen. Sehr überzeugend ist in erster Linie die schauspielerische Darbietung von Stefano Accorsi als verwahrloster, ungepflegter Taugenichts Loris. Für seine Schwester ist er nichts weiter als ein arbeitsloser Versager "ohne Zähne". Seine Drogensucht wurde dem ehemaligen Rennsportstar einst zum Verhängnis und bis heute ist er den Rauschmitteln verfallen. Dann taucht er plötzlich auf der Beerdigung des Vaters auf, nachdem er sich zehn Jahre lang nicht bei seiner Familie gemeldet hatte. Und zudem meldet er Giulia gegenüber auch noch Ansprüche an.

Accorsi passt in diesem Film nicht nur optisch – mit seinem dreckigen Gesicht, den fettigen Haaren und dem unrasierten Bart – perfekt in die Rolle. Er spielt seine Figur auch mit unerschütterlicher Inbrunst und intensivem Körpereinsatz. Mit der Konsequenz, dass man als Zuschauer zwischen Mitleid und Respekt ihm gegenüber, hin- und hergerissen ist. Den Mittelpunkt von "Schnell wie der Wind" bildet eindeutig die ambivalente, extreme Beziehung zwischen den beiden Geschwistern. Eine Beziehung, die zwischen Abneigung und Sympathie pendelt.

Die geschwisterliche Beziehung gibt in gewisser Weise das Tempo des Films vor, denn das Verhältnis zwischen Giulia und Loris ist vom rastlosen Wesen und den vielseitigen Charakterzügen der Beiden, geprägt. Es wird heftig gestritten und viel diskutiert aber die Zwei durchleben durchaus auch gemeinsam Erfolgserlebnisse und kleine Etappensiege. Die Entscheidung von Regisseur Rovere für eine Akzentuierung des Bruder-Schwester-Verhältnisses war klug, denn so verkommt "Schnell wie der Wind" nicht zu einem stereotypen, schon oft gesehenen Sportfilm vom Reißbrett mit lediglich am Rande thematisierten familiären Konflikten und allzu ermüdenden Rennszenen.

Tragik und Komik bzw. Melancholie und Leichtigkeit, liegen im Film zudem ganz dicht beieinander. Aber: sie halten sich die Waage, was mit der Grund dafür ist, dass der Film hinsichtlich seiner Stimmung und Emotionalität so ausgewogen erscheint. Zumeist ist es Giulia (überzeugend: Matilda De Angelis), die Pech und Unglück gepachtet hat. Vor dem entscheidenden Rennen widerfährt ihr auch noch ein folgenschwerer Unfall. Für die entspannten Töne und witzigen Momente ist hingegen ihr Bruder verantwortlich. Auch wenn man als Zuschauer Giulia verstehen kann, die sich zu Recht über seine herabwürdigende, bloßstellende Art und laissez-faire-Einstellung ärgert: er ist irgendwo doch ein liebenswerter Paradiesvogel mit fettigen Haaren, der das Herz am rechten Fleck hat.

Fazit: Das untypische, erfrischende Sport-Drama "Schnell wie der Wind" überzeugt durch seine unkonventionellen, vielschichtigen Figuren. Er verzichtet auf ausufernde, ermüdende Rennszenen und wechselt ausgeglichen zwischen Tragik und Komik hin und her.





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