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Mein wunderbares West-Berlin
Mein wunderbares West-Berlin
© Salzgeber & Co

Kritik: Mein wunderbares West-Berlin (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

"Mein wunderbares West-Berlin" ist der zweit Teil von Jochen Hicks "schwuler" Berlin-Trilogie. Vor drei Jahren erschien sein Film "Out in Ost-Berlin", der sich der queeren Szene im Osten der damals geteilten Stadt widmete. Der dritte Teil ist bereits geplant, darin geht es um das Leben als schwuler Mann im Berlin der 90er-Jahre und der Gegenwart. Seine Weltpremiere erlebte "Mein wunderbares West-Berlin" auf der diesjährigen Berlinale in der Sektion "Panorama Dokumente". Seit jeher widmet sich der Filmemacher in seinen Werken und Reportagen in erster Linie soziokulturellen sowie politischen Themen.

Der Film lebt zu aller erst einmal von den vielen bewegenden, skurrilen und heiteren Anekdoten, die die Befragten zu berichten wissen. Und bei diesen Interviewpartnern handelt es sich um Personen die wissen, wovon sie reden. Denn alle leben oder lebten jahrelang in West-Berlin und gehörten der queeren Subkultur der (wie David Bowie die Stadt nannte) "Welt-Hauptstadt des Heroins" an. So erzählt u.a. die Sängerin Romy Haag von ihrer gemeinsamen Zeit mit Bowie und warum dieser sich mit Iggy Pop eine eigene Wohnung in Berlin nahm. Und andere berichten z.B. vom bunten Treiben in der legendären Disco "Dschungel", die in den 80er-Jahren von den bekanntesten Künstlern und Promis besucht wurde. Darunter: Depeche Mode, Mick Jagger, Rainer Werner Fassbinder, Prince oder auch Stilikone Grace Jones.

Darüber hinaus ist die Doku aufwendig und penibel recherchiert. Im Zentrum stehen dabei jederzeit die wichtigsten Stufen und Etappen der bereits erwähnten Pionierarbeit: vom Erkämpfen von Grundrechten, (sexueller) Freiheit und der Gleichberechtigung. Dass es heute z.B. in vielen Städten Deutschlands Aids-Hilfen, eine Vielzahl an Szene-Bars, ein vielfältiges Nacht- und Partyleben sowie CSDs gibt, ist vor allem den West-Berliner Aktivisten, Bürgerrechtlern und Homosexuellen zu verdanken.

All dies und noch viel mehr erfährt man in Hicks beachtenswertem Film. Die unzähligen befragten Zeitzeugen und Interviewten (u.a. Visagist René Koch, Maler Wilfried Laule oder Wieland Speck, Leiter der Berlinale-Sektion Panorama) berichten umfangreich über die damaligen Zeiten. Dabei lässt Regisseur Hick nichts aus und widmet sich jeder "Entwicklungsstufe" gleichsam ausgiebig und vielschichtig. Das beginnt mit der Unterdrückung und Verfolgung vieler Homosexueller in den 50er- und 60er-Jahren über die vermehrten Straßendemos in den folgenden Jahren bis hin zum Aufkommen jener Krankheit, die Berlin ab 1985 so hart traf wie keine andere deutsche Stadt: HIV/AIDS. Die spannenden Erlebnisberichte seiner Gesprächspartner, unterfüttert Hick mit aufwendig zusammengetragenem, teils extrem rarem Archivmaterial.

Fazit: "Mein wunderbares West-Berlin" nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise durchs queere West-Berlin, von der Nachkriegszeit bis zum Mauerfall. Entstanden ist ein hochinformativer, gründlich recherchierter Film, der u.a. über die Pionierarbeit der West-Berliner Schwulenszene sowie das subkulturelle Nachtleben, akkurat informiert.




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