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The Nightingale
The Nightingale
© Drop-Out Cinema eG

Kritik: The Nightingale - Schrei nach Rache (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"They went arm in arm along the road, ‘til they came to a stream. And they both sat down together, love to hear the nightingale sing." - Mit diesen bezaubernd gesungenen Worten startet "The Nightingale" in seine Handlung. Soweit so unschuldig – doch Regisseurin Jennifer Kent wirft den Zuschauer postwendend in eine Handlung, die zur emotionalen Belastungsprobe wird.

Vergewaltigung, Gewalt, Mord – all dem wird der Betrachter innerhalb der ersten Szenen ausgesetzt, mindestens genauso schutzlos wie die Protagonistin, die blind vor Wut durch die tasmanischen Wälder irrt und nur mithilfe ihres skeptischen Begleiters auf dem rechten Pfad verweilt. Die reine Beschreibung lässt erahnen, welche Kontroversen solch ein Film nach sich zieht. Kent begibt sich nach "Der Babadook" also auf gänzlich anderes Terrain und sah sich nach den ersten Vorführungen wüsten Beschimpfungen ausgesetzt, da sie sich als Frau erdreistet hatte, eine solch explizite Handlung in die Kinosäle zu bringen. "Verständlich" wie sie selber zugibt, gleichzeitig aber auf die geschichtliche Akkuratesse verweist.

Und doch, trotz all der seelischen Brutalität, entwickelt sich innerhalb der mehr als zweistündigen Handlung eine fast schon irritierende Leichtfüßigkeit, getragen von der sich aufbauenden Chemie zwischen Clare und Billy, die zwar beide aus völlig anderen Motiven unterwegs sind, im Grunde ihres Herzens aber das selbe Ziel verfolgen. Das anfangs schroffe Miteinander wandelt sich, begünstigt durch das geteilte Leid und den Umstand, dass beide "Außenseiter" aufeinander angewiesen sind. Das Motiv der Rache schwelt zwar immer unter der Oberfläche, lässt der Handlung aber genügend Raum zur Entfaltung, eingefangen in gewaltigen Bilder und immer wieder untermalt vom Gesang der Vögel, dessen Symbolträchtigkeit sich nicht exklusiv im Titel, sondern auch inmitten der Handlung wiederfindet. Angesichts des knallharten Starts mag das für den ein oder anderen nicht ins Konzept passen, verdeutlicht aber Kents Intention, die nicht danach strebt, einen stumpfen rape and revenge - Film zu inszenieren, sondern deutlich mehr zu sagen hat und den tonalen Wandel als probates Mittel dafür nutzt, ihre eigene Stimme einfließen zu lassen.

Und nicht nur die Regisseurin überzeugt mit ihrer Arbeit; die wahnsinnig guten schauspielerischen Leistungen dürfen an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Egal ob Aisling Franciosi in der Rolle der gepeinigten Strafgefangenen, Baykali Ganambarr als intrinsisch motivierter Begleiter oder auch Sam Claflin in seiner Darbietung als sadistischer Lieutenant – sie alle brillieren und verhelfen dem Werk zu einer niederschmetternden Authentizität. Fazit: "The Nightingale" beginnt mit schmerzhaften Tiefschlägen, entwickelt sich aber im Fortlauf seiner Handlung zu einem realitätsnahen Abbild vergangener Zeiten, die mancherorts immer noch bittere Realität sind. Trotz vereinzelter Längen bietet der Film wenig Platz für Langeweile und vermittelt unentwegt eine klare Botschaft, die mal in die Köpfe der Zuschauer geprügelt wird, nur um dann subtil in den Tönen der Nachtigall anzuklingen. Ein mutiges aber ebenso bedeutsames Werk.




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