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Conny Plank - The Potential of Noise
Conny Plank - The Potential of Noise
© Salzgeber & Co

Kritik: Conny Plank - The Potential of Noise (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Ein Mann in einer schwarzen Lederjacke durchstreift die Spielhallen Tokios, fängt das Klingeln und Klimpern der Automaten mit einem Mikrofon ein. Die Aufnahmen davon sind alt und verschlissen und etwas wuselig. Draußen vor der Tür, als Ruhe einkehrt, lässt er die Kamera wissen, dass auch aus Lärm Musik werden könne, wenn dieser Lärm den Zuhörern gefalle. Der Mann in der Lederjacke heißt Conny Plank, das Jahr ist 1987, und seine Worte sind sein Credo. Plank, der kurz nach diesen Aufnahmen starb, war zeitlebens auf der Suche nach neuen Klängen.

Reto Caduff und Stephan Plank haben diese kleine Episode an den Anfang ihres Dokumentarfilms gestellt, weil sie so viel über ihre Hauptfigur aussagt. Conny Plank war ein Neuerer, ein positiv Verrückter, der stets über den eigenen Tellerrand blickte. Er war aber auch ein Getriebener, der selbst schwer krank nicht von seiner Arbeit lassen wollte oder konnte. Im Anschluss an ihren Einstieg schreiten die Filmemacher die Stationen von Conny Planks Karriere chronologisch ab – über die ersten Gehversuche als Starkstromingenieur und als Sendetechniker bei der Europawelle Saar bis zum entscheidenden Schritt des Baus eines eigenen Tonstudios auf dem Land.

Die beiden Regisseure inszenieren ihren Dokumentarfilm über ein unkonventionelles Leben voll unkonventioneller Musik recht konventionell. Stephan Plank holt das Publikum mit einem einführenden Voice-over-Kommentar ab und nimmt es wiederholt bei der Hand. Als Sohn, der etwas über seinen früh verstorbenen Vater erfahren möchte, bilden seine Gespräche mit Musikern und Weggefährten den erzählerischen roten Faden. Einiges an Füllmaterial, das Stephan Plank auf seinen Reisen zu den Interviewpartnern zeigt, hätte zwar getrost unter den Schneidetisch fallen können. Conny Planks abwechslungsreiche und einflussreiche Karriere und das Wiedersehen mit all den Musikgrößen und Musikkleinigkeiten, von denen manche auf dem Boden geblieben sind, andere so affektiert wie eh und je auftreten, machen diesen Dokumentarfilm dennoch zu einem Ereignis.

Was sich in Stephan Planks Befragungen schnell herauskristallisiert, ist die außergewöhnliche Arbeitsweise seines Vaters, die den Musikern enorme Freiheiten ließ und sie doch in eine neue Richtung lenkte, ohne das Zutun des Produzenten über das der Musiker zu stellen. Oder wie Midge Ure von Ultravox an einer Stelle treffend über die Herangehensweise an Songs formuliert: "Wir redeten darüber in musikalischen Begriffen. Doch Conny antwortete uns mit Klangbegriffen." Dieses Sprechen und Denken in Klängen kannte keine Begrenzungen nach Musikrichtungen. Es trug zur Entstehung der elektronischen Musik ebenso einen nicht unerheblichen Teil bei wie zu den Anfängen des Hip-Hops.

All diese Entwicklungslinien schlüssig und dabei stets unterhaltsam nachzuzeichnen, ist eines der Verdienste dieses Films. Ein anderes ist, dass Stephan Plank auch vor dem Menschen Conny Plank nicht haltmacht. Neben dem Produzenten spürt er auch dem Ehemann und Vater nach und kommt zu Erkenntnissen, die das musikalische Genie in kein gutes Licht rücken. Dass er diese Erkenntnis sich und seinem Publikum nicht erspart, nichts beschönigt, ist nicht selbstverständlich.

Fazit: "Conny Plank – The Potential of Noise" gewährt aufschlussreiche und unterhaltsame Einblicke in das Leben und die Karriere eines deutschen Musikpioniers, den die wenigsten Fans kennen dürften. Wer wissen will, wie große Musik entsteht, sollte sich diesen Dokumentarfilm nicht entgehen lassen.




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