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FBW-Bewertung: Als Paul über das Meer kam - Tagebuch einer Begegnung (2017)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: In vielerlei Hinsicht stellt Jakob Preuss? ALS PAUL ÜBER DAS MEER KAM - TAGEBUCH EINER BEGEGNUNG einen absolut bemerkenswerten Dokumentarfilm dar. Zum einen gelingt es ihm, die Flucht seines Protagonisten von der Nordküste Afrikas bis Berlin über mehr als zwei Jahre hinweg zu begleiten. Darüber hinaus reflektiert der Film aber auch tiefgründig wie kaum ein zweiter, welch persönliche Verantwortung es bedeutet, einem Asylsuchenden dauerhaft helfend zur Seite zu stehen. Und dann werden ganz nebenbei auch noch erfolgreich Themen wie Integration, die Rolle der Medien und EU-Grenzpolitik erörtert. Dass all das am Ende funktioniert, hat zum einen damit zu tun, dass Jakob Preuss die Eigendynamik des scheinbar unaufhaltsam sich weiterentwickelnden Filmprojekts auf wunderbare Weise transparent macht und auch sein eigenes Eingreifen immer offen legt. Zum anderen ist in der Montage eine angesichts der Herausforderungen erstaunliche Balance gelungen zwischen Nähe und Distanz, zwischen Perspektive der Fluchtsuchenden und Perspektive der europäischen Exekutive, zwischen Subjektivität und Sachlichkeit. Und dann ist natürlich Paul selbst als Protagonist ein Glücksfall, weil er die Situation sehr klar zu reflektieren vermag und weil er sich mit teils unangepassten Haltungen auch deutlich der Anbiederung verweigert. Sicher, ein Glücksfall einerseits, dass Preuss und Paul sich gefunden haben. Andererseits aber ist diese Differenziertheit eben auch Ergebnis der mutigen Schnittentscheidung, Paul in der Montage nicht zum eindimensionalen Vorzeigemigranten zu formen. Diese Konsequenz, eine Balance zu schaffen, gelingt bis hin zu Nebenprotagonisten wie den Schleierfahndern oder einem spanischen Grenzpolizisten, die nicht einfach als schlichte Antagonisten fungieren, sondern natürliche Ambivalenzen vorweisen.
Erzählt ist das alles in einem erstaunlich lockeren, fast heiteren Ton mit einigen gelungenen Animationssequenzen sowie mit einer Kamera, die viel zur Balance zwischen Nähe und Distanz beiträgt. Gerade im Zusammenhang mit dem sensiblen Migrationsthema stellt der Film in den Augen der Jury ein Musterbeispiel differenzierten Erzählens dar.




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