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Ghostland - Reise ins Land der Geister
Ghostland - Reise ins Land der Geister
© Drop-Out Cinema eG

Kritik: Ghostland - Reise ins Land der Geister (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

"Ghostland" stammt von dem Filmemacher und Ethnologen Simon Stadler, der auch die Idee zu dieser Produktion hatte. Bis heute wirkte er – als Redakteur, Kameramann oder Regisseur – an zahlreichen Dokus und Reportagen mit, u.a. für 3Sat und das ZDF. Als Co-Regisseurin bei "Ghostland" fungierte die Innenarchitektin und Sprecherin Catenia Lermer. Unterstützt wurden die Beiden bei der Realisierung noch von Sven Methling, einem in Frankfurt geborenen Wirtschaftsgeographen und Dokufilmer. Im vergangenen Jahr wurde "Ghostland – Eine Reise ins Land der Geister” mit dem Hessischen Filmpreis ausgezeichnet.

Einer der großen Pluspunkte des Films ist, dass sich die Macher bei der Inszenierung und Einordnung des Gezeigten, angenehm zurückhalten. Sie überlassen es dem Zuschauer, sich ein Bild von den Geschehnissen auf der Leinwand zu machen und eigene Rückschlüsse zu ziehen. Dies erkennt man auch daran, dass Regisseur Stadler und seine beiden Co-Regisseure auf eine einordnende Off-Kommentierung ebenso verzichten wie auf Zwischentitel bzw. eingeblendete Text-Infos. Es handelt sich bei "Ghostland" also um eine sachliche, angenehm zurückgenommene filmische Betrachtung eines ganz außergewöhnlichen "Experiments".

Denn im Mittelpunkt des Films steht der Culture-Clash zwischen den vier Ju/'Hoansi-Angehörigen und dem, was sie in Europa, diesem hochtechnisierten Kontinent, sehen und erleben. Zuvor aber zeigt der Film noch etwas anderes, einen anderen Zusammenprall. Nämlich jenen zwischen dem primitiv und in ärmlichsten Verhältnissen lebenden Nomadenvolk und den Touristen, die sie im Nordosten Namibias besuchen. Die Buschmänner tragen dabei privat z.B. schon längst keine Lendenschürzen mehr, sondern T-Shirts und Hosen. Wenn aber die Reisebusse der Touristen Einzug halten, ziehen sie ihre traditionelle Kleidung an und schlüpfen in ihre angedachten Rollen. Sie wissen längst ganz genau was der Tourist will: Selfies mit den "Eingeborenen", Trommelspiel, Bespaßung.

Die Bilder muten durchaus paradox an, denn die Buschmänner brauchen das Geld, das sie mit dieser "Touristen-Bespaßung" verdienen, zum Überleben. Dieser Umstand hat auch etwas Perverses, aber auch hier halten sich die Regisseure zurück und erheben nicht den moralischen Zeigefinger. Die interessantesten, spannendsten Bilder und Momente ergeben sich dann aber tatsächlich auf der Reise nach Europa, die die Ju/'Hoansi ausgerechnet ins dekadente Finanzzentrum des Kontinents führt: nach Frankfurt am Main. Die Gegensätze könnten nicht krasser sein: auf der einen Seite die reichen, wohl genährten Europäer, denen es an nichts mangelt. Auf der anderen Seite die unterernährten Stammesangehörigen, deren Volk ums Überleben kämpft – und die auf ihrer Reise nach Frankfurt ausnahmsweise einmal die Perspektive von Touristen einnehmen.

Es ergeben sich zu Herzen gehende, rührende aber immer wieder auch heitere Augenblicke, wenn sie mit den Errungenschaften der modernen Welt konfrontiert werden: etwa beim Anblick eines Flugzeugs, der überfüllten Frankfurter S-Bahn oder der Wolkenkratzer, die wie nichts sonst sinnbildlich für den europäischen Wohlstand und Luxus stehen.

Fazit: Eindringliches und angenehm zurückhaltendes, sachliches dokumentarisch-ethnologisches Experiment, das erhellende Einblicke in eine fremde Welt liefert.





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