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Die Anfängerin
Die Anfängerin
© farbfilm verleih

Kritik: Die Anfängerin (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Hauptdarstellerin Ulrike Krumbiegel gehörte in den 80er-Jahren zu den bekanntesten und beliebtesten Schauspielerinnen in der DDR. Auch nach der Wende konnte sie sich etablieren – im Kino und im TV. Ihr Gesicht kennt man u.a. aus diversen "Tatort"-Folgen, aus dem "Polizeiruf" oder auch dem "Spreewaldkrimi". Regisseurin Alexandra Sell recherchierte vor Drehbeginn ausgiebig in der Eiskunstlauf-Szene und konnte mit der Verpflichtung von Ex-Weltmeisterin Christine Stüber-Errath, die sich im Film selbst spielt, einen kleinen Coup landen. Ursprünglich war geplant, die Rolle der Annebärbel mit Katrin Sass ("Goodbye, Lenin") zu besetzen, kurz vor Beginn der Dreharbeiten stieg sie aber aus dem Projekt aus.

"Die Anfängerin" ist ein Film, der ganz auf seine starken Darstellerinnen zugeschnitten ist. Sie arbeiten die fragilen zwischenmenschlichen Beziehungen und nicht verarbeitete Kindheitserinnerungen, subtil und glaubhaft heraus. Erinnerungen, Erfahrungen und schwierige Verhältnisse zu den Eltern, die die beiden Hauptfiguren des Films eint: da ist zum einen Annebärbel, die sich selbst noch im Alter von fast 60 Jahren von ihrer herrischen Mutter (herausragend: Annekathrin Bürger) herumkommandieren lassen muss. An allem hat ihre Mutter etwas auszusetzen. Ob an ihrer Arbeit als Ärztin (die Mutter war selbst Medizinerin), der Liebe zum Eislauf oder an ihrer – angeblichen – Unfähigkeit, ihre Ehe aufrechtzuerhalten.

Zu den darstellerischen Höhepunkten im Film gehören dann u.a. jene Momente, in denen Krumbiegel und Bürger gemeinsam auf der Leinwand zu sehen sind. Auf der einen Seite die immer nörgelnde, überstrenge Mutter, auf der anderen die unglückliche und verbitterte Tochter, deren Missmut und Ärger von Krumbiegel durch ein feines, nuanciertes Gestik- und Mimik-Spiel herausgearbeitet wird. Eine Seelenverwandte erkennt Annebärbel allmählich in der jungen Jolina, die von der Maria Rogozina bewegend und einfühlsam verkörpert wird.

Oft zeigt sich auch in Jolinas traurigem Blick und der eindeutigen Körperhaltung (hängende Schultern, gesenkter Kopf), ihr inneres Leid und die Seelenqualen: denn sie leidet unter dem immensen Druck, den ihr Vater und ihre Trainerin auf sie ausüben. Sie muss funktionieren und auf dem Eis Erfolg haben, niemals genügt das was sie macht, den Anforderungen der anderen. Ganz wie bei Annebärbel und ihrer Mutter. Besonders deutlich wird dies in einer sehr intensiven Szene, in der Jolina von ihrer perfektionistischen Trainerin so lange zu Höchstleistungen angetrieben wird, bis sie aufgibt. Das Eislaufen im Film wird dennoch zu einer Metapher für die Widrigkeiten und Herausforderungen des Lebens im Allgemeinen: wer sich aufs Eis wagt (sich also seinen größten Ängsten stellt, wie Annebärbel im Film), dabei Durchhaltevermögen beweist und Einstecken kann, wird zu seinem persönlichen Glück finden.

Gelacht werden darf bei "Die Anfängerin" auch: dafür sorgen u.a. die anfänglichen, unbeholfenen Versuche von Annebärbel, auf dem Eis wieder "Fuß" zu fassen sowie die (sympathischen) Streitereien innerhalb der Hobbyeislauf-Gruppe zu Beginn.

Fazit: Sympathischer, glaubhaft gespielter Film mit starken Figuren, der von einer ganz besonderen Freundschaft handelt und einfühlsam von den Versuchen erzählt, sich von den elterlichen Fesseln zu lösen.




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