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Kritik: Lieber Leben (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Benjamin steckt in der größten Zerreißprobe seines Lebens. Er ist jung, voller Tatendrang – und seit einem Unfall gelähmt. Jeder kleine körperliche Fortschritt, den er im Sanatorium erzielen wird, ist auch ein Sieg des eigenen Muts und der Willenskraft gegen die Resignation. Mit Realismus und Humor vertieft sich dieses Drama von Grand Corps Malade und Mehdi Idir in den Prozess der Rehabilitation, den der Filmheld im Kreise seiner Mitpatienten durchläuft. Es basiert auf den eigenen Erlebnissen des Regisseurs Grands Corps Malade, die er in seinem Roman "Patients" verarbeitete. Grands Corps Malade – auf Deutsch "Großer kranker Körper" - ist der Künstlername eines bekannten französischen Hip-Hop-Musikers und Poetry Slammers, der eigentlich Fabien Marsaud heißt. 1997 verletzte er sich als Zwanzigjähriger bei einem Sprung ins Schwimmbecken schwer und verbrachte ein Jahr in einer Reha-Klinik.

Die Hilflosigkeit Benjamins spiegelt sich in der Art, wie er auf das Personal angewiesen ist und dessen Eigenheiten ertragen muss. Da gibt es den Pfleger Jean-Marie (Alban Ivanov), der ihn mit übertriebener Heiterkeit und einer merkwürdigen Sprache nervt. Später, als Benjamin den Speisesaal im Rollstuhl aufsucht, ziehen sich die jungen Männer an seinem Tisch gegenseitig damit auf, wie eingeschränkt sie in praktischen Dingen sind, ob sie beispielsweise jemandem das Salzfass reichen können. Die sehr realistisch wirkenden Charaktere benutzen den Humor zur Abwehr von Angst und Verzweiflung, aber auch, um sich und ihr Jungsein gegen die Versehrtheit zu verteidigen.

Überall lauern Misserfolge und Entmutigung. Nicht jeder hat den Optimismus, den Benjamin an den Tag legt und nicht immer gelingt es der Gruppe um ihn und Farid, individuelle Krisen mit Spaß und Geselligkeit aufzufangen. Der Film ist ehrlich genug, um trotz seines Humors zu schildern, wie sich der eine oder andere der jungen Männer in Depression verliert, seiner Lage nichts Positives mehr abgewinnen kann. Trauer und Schmerz bilden auch sonst stets den Hintergrund. Gerade deshalb aber versteht Grand Corps Malade seinen Film als Hommage an seine Mitpatienten im Sanatorium und ihr mutiges Ringen um die Lust am Leben. Dieses außergewöhnlich authentische, bewegende Spielfilmdebüt lotet sein schwieriges Thema profund aus und führt sehr eindrucksvoll vor, warum die Leistung junger Reha-Patienten Respekt verdient.

Fazit: Jung zu sein und nach einem Unfall plötzlich gelähmt, bedeutet großes Leid, aber dieser auf einer wahren Begebenheit basierende französische Film strickt daraus eine humorvolle Liebeserklärung an das Leben. Der ironische Unernst der Hauptfigur Benjamin, den sich der Film zu eigen macht, wirkt sehr stimmig und eröffnet eine geeignete Perspektive, um den schwierigen Prozess der Rehabilitation authentisch und ungeschönt zu schildern. Das Ergebnis ist ein hervorragender, ehrlicher und sehr bewegender Film über ein chronisch vernachlässigtes Thema.




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