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Kritik: Sommerhäuser (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

"Sommerhäuser" feierte seine Weltpremiere auf dem diesjährigen Filmfest München. Für Regisseurin Sonja Kröner ist es das Spielfilmdebüt, für das sie sogleich prämiert wurde: "Sommerhäuser" erhielt in München den Förderpreisen Neues Deutsches Kino in den Kategorien "Regie" und "Produktion". Obwohl es ihr Erstling ist, konnte Kröner für ihr Drama gleich eine ganze Reihe an namhaften deutschen Schauspielern gewinnen, darunter mit Günter Maria Halmer einen der profiliertesten Charakter-Mimen des Landes. Regionale Bekanntheit erlangte die Filmemacherin 2010 durch ihre 80-minütige Medienkunstinstallation "Six Doors", die – in Form einer Peepshow – sechs Frauen in sechs unterschiedlichen Phasen des Lebens, präsentierte. Zu sehen war die Installation damals im Münchener Haus der Kunst.

Zu keiner Sekunde wirkt das souverän und ruhig inszenierte Ensemble-Drama "Sommerhäuser" wie ein Debütfilm. So professionell und stilsicher ist es inszeniert. Und wie kleine Zahnrädchen, greifen die verschiedenen Inhalte des Films und Konflikte der einzelnen Protagonisten, sicher und passend ineinander. "Sommerhäuser" lebt in erster Linie von seinem fabelhaften, zurückgenommen agierenden Cast und einer sinnvollen, klugen Dramaturgie. Mit einfachsten, reduzierten Mitteln also, ohne Effekte-Schnick-Schnack oder dem übertriebenen Einsatz technischer Hilfs- bzw. Stilmittel, kreiert Kröner so eine unterschwellige Stimmung der Bedrohung. Und ein nur schwer greifbares Gefühl eines sich langsam anschleichenden Unheils.

Dabei beginnt alles noch relativ harmlos und friedlich, im unfassbar heißen und schwülen Sommer des Jahres 1976. Vieles von dem, was man auf der Leinwand sieht, erinnert einen selbst an frühere Familienfeiern: im Garten spielen und toben die Kleinsten, die Erwachsenen unterhalten sich unterdessen mal mehr, mal weniger angeregt. Und natürlich weisen sie ihre Kinder hier und da zurecht (die Diskussion über die richtigen Erziehungsmethoden wird später noch für ordentlich Zündstoff sorgen) und sind froh, wenn zwischendurch ein bisschen Ruhe einkehrt. Doch mit der Ruhe ist es schon bald vorbei.

Denn allmählich – und mit zunehmenden Streitigkeiten unter den Familienmitgliedern – verschlechtert sich die allgemeine Stimmung doch merklich. Die Themen, über die man hitzig diskutiert, sind vielfältig. Und für die 70er-Jahre teils so typisch. Da ist es schon ein Skandal, wenn man als Frau seine Kinder allein erzieht oder seine Partner häufiger wechselt – und man damit eben nicht das gesellschaftlich geforderte Familienideal lebt bzw. dem gewünschten Rollenbild jener Zeit passt, entspricht. Hinzu kommen u.a. Fragen der Sittenhaftigkeit, Moral und des Anstands.

Doch nicht nur aufgrund der Inhalte, über die sich die Protagonisten streiten, halten (verklärte) Nostalgie, Zeitgeschichte und -kolorit in "Sommerhäuser" Einzug. Das gelingt allein schon durch das realistische Setting sowie die authentische, detailverliebte Ausstattung: von den Frisuren der Figuren, ihrer (aus heutiger Sicht doch stark antiquiert wirkenden) Kleidung über die Inneneinrichtung des Hauses bis hin zu den Speisen, die bei der Feier auf den Tisch kommen (z.B. Frankfurter Kranz oder Erdbeerrolle). Mit diesen Hilfsmitteln schafft es Kröner, ein glaubwürdiges Bild vom (kleinbürgerlichen) Leben in den mittleren 70ern in Deutschland, zu kreieren. Die größte Stärke des Films.

Fazit: Authentisch ausgestattetes, zurückgenommen gespieltes Familien-Drama, das den Geist des kleinbürgerlichen Daseins im Deutschland der 70er-Jahre, erweckt. Glaubhaft, dicht und mit einem beständigen, unterschwelligen Gefühl der Bedrohung.





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