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Über Leben in Demmin
Über Leben in Demmin
© Salzgeber & Co

Kritik: Über Leben in Demmin (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die Kleinstadt Demmin dürften die wenigsten Deutschen kennen. Martin Farkas dient sie dazu, deutsche Geschichte wie unter einem Brennglas zu betrachten. Denn die Tragödie, die sich hier kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs abspielte, das lange Schweigen darüber und die anschließende Instrumentalisierung durch Neonazis stehen geradezu exemplarisch dafür, was im politischen Diskurs hierzulande derzeit schiefläuft. Ein einseitiges Geschichtsbild auf der einen Seite führt zu einem einseitigen auf der anderen und scheinbar unüberwindbaren Gräben.

Seinen Titel hat Farkas, dessen erste Profession die des Kameramanns ist, mit Bedacht gewählt. Auf einer ersten Erzählebene geht es ums "Überleben", um die Zeitzeugen, die dem Massenselbstmord entgangen sind, um ihre Erinnerungen an die letzten Kriegstage und ihren mühsamen Umgang damit. Bis heute möchte nicht jeder darüber sprechen, viele reden zum ersten Mal offen. Auf weiteren Ebenen erzählt der Dokumentarfilm aber auch "über das Leben" in Demmin, zu Zeiten der DDR, der Nachwendezeit und nicht zuletzt heute im Angesicht jährlicher Demonstrationen.

Farkas hat seine dritte Regiearbeit als vielstimmigen Chor angelegt, in dem die Erzählebenen geschickt ineinandergreifen. Der Neonaziaufmarsch, der wie ein Damoklesschwert über allem hängt, kündigt sich bereits früh nonverbal an. Gemeinsam mit Inserts, die gesicherte Fakten liefern, ergeben die Erinnerungen der Zeitzeugen Stück für Stück ein differenziertes Bild der letzten Kriegstage in Demmin. Die Gräueltaten der Russen werden ebenso an- und ausgesprochen wie deren gute Taten. Mancher Überlebende wurde etwa durch einen Rotarmisten vor dem Suizid gerettet. Auch das ist Teil der Wahrheit, die die Teilnehmer am "Trauermarsch" ebenso konsequent ignorieren wie die Täterschaft der nationalsozialistischen Opfer oder die russischen Zwangsarbeiter, die in der Nähe von Demmin ums Leben kamen.

"Über Leben in Demmin" ist ein wichtiger Film, so lose seine Komposition stellenweise auch sein mag, so inkonsequent Farkas hinter Roman Schauertes Kamera ab und an auch nachfragt, so übertrieben stimmungsmachend er seine Musik anfangs auch einsetzt. Denn Farkas führt mehrerlei eindrücklich vor Augen: etwa wie gefährlich es ist, den Rechten die Deutungshoheit über historische Ereignisse zu überlassen. Deren immer gleichen Reflex, sich selbst zu Opfern der Political Correctness zu stilisieren, zeigt dieser Dokumentarfilm ohne großes Zutun auf. Auch "Über Leben in Demmin" wimmelt von Rechten, die keine sein wollen, sich über ihr Gedankengut aber letztlich selbst entlarven. Ihren eigenen Freiheiten sind sie sich oftmals überhaupt nicht bewusst, fordern hingegen permanent die Beschränkung der Freiheitsrechte ihrer politischen Gegner ein. Den Widerspruch darin bemerken sie nicht.

Was "Über Leben in Deminn" am nachdrücklichsten zeigt, ist die Notwendigkeit eines Dialogs. Im Hinblick auf die Demonstrationen liefern erneut die Alten, die die Ereignisse, denen hier jedes Jahr gedacht wird, selbst miterlebt haben, ein weitaus differenzierteres Bild als die Nachgeborenen. Hier herrscht bei Befürwortern und Gegnern des Marschs und jenen, die ihm neutral gegenüberstehen, ein erschreckend einseitiges Bild. Dabei müsste dringend wieder miteinander, nicht bloß übereinander geredet werden. Nicht zuletzt hierzu leistet Martin Farkas Film einen wichtigen Beitrag.

Fazit: "Über Leben in Demmin" leistet viel: die Aufarbeitung eines (zu) lange verschwiegenen Traumas, die differenzierte Betrachtung historischer Ereignisse, eine Bestandsaufnahme gegenwärtiger Befindlichkeiten. Ein mutiger, ein wichtiger Dokumentarfilm – und ein möglicher erster Schritt zu einem Dialog.




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