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Kritik: Pio (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Jonas Carpignanos Langfilme spielen beide am Meer. Mit der heilen Welt einer Urlaubsidylle haben sie nichts gemein. In "Mediterranea" (2015), der den Raum zwischen Europa und Afrika bereits im Titel trägt, steht das Gewässer für Hoffnung und Enttäuschung. Für die einen bildet es die letzte natürliche Grenze auf dem Weg in eine bessere Zukunft, für die anderen wird es auf der Überfahrt zum nassen Grab. Auch "Pio" erzählt von einem Übergang, dem vom Jugendlichen- ins Erwachsenenalter. Auch diesen, seinen zweiten abendfüllenden Spielfilm, hat Carpignano im kalabrischen Küstenstädtchen Gioia Tauro angesiedelt. Und erneut sind die Weiten des Ozeans, der kaum einmal zu sehen ist, als Metapher zu verstehen. Nicht die einzigen Überschneidungen.

Leise und unaufgeregt erzählt Jonas Carpignano vom Erwachsenwerden in einer aufgeregten Umgebung. Der 14-jährige Pio (Pio Amato) wächst in einer Großfamilie auf, die auf viel zu kleinem Fuß lebt. Überall wimmelt, wuselt und lärmt es. Hier gehen die Kinder und Jugendlichen nicht zur Schule, dafür nachts in die Disco. Es wird geraucht und getrunken, gestritten und gezankt, aber stets zusammengehalten. Tim Curtins agile Handkamera verstärkt die Hektik und spiegelt damit die Lebenssituation der Figuren.

Wie schon Carpignanos Debüt beruht auch "Pio" auf einem Kurzfilm, der von realen Ereignissen inspiriert ist. Beim Dreh des knapp 20-minütigen "A Chijàna" (2012), aus dem drei Jahre später "Mediterranea" werden sollte, wurde Carpignanos Crew das Auto gestohlen. Bei den ortsansässigen Roma fand der Regisseur und Drehbuchautor nicht nur das gestohlene Vehikel, sondern auch seine nächste Geschichte. Aus dem Diebstahl und dem Leben der Roma am Rande der Gesellschaft machte Carpignano noch vor seinem Langfilmdebüt den Kurzfilm "A Ciambra" (2014), der nun wiederum "Pio" als Vorlage diente.

Hier hören die Verschränkungen aber beileibe noch nicht auf. Der Burkiner Ayiva (Koudous Seihon), der in "Mediterranea" die Hauptrolle spielte, taucht in "Pio" in einer zentralen Nebenrolle wieder auf. Ein cleverer erzählerischer Schachzug, der Carpignanos (bislang noch) überschaubare filmische Welt filigran weiterverzweigt und ihr mehr Glaubwürdigkeit verleiht. Diese Glaubwürdigkeit rührt nicht zuletzt daher, dass Carpignano erneut auf einen pseudodokumentarischen Stil und auf Laiendarsteller setzt, die nur leicht fiktionalisiert mehr oder weniger sich selbst spielen.

Mit präzisem Blick rückt der Regisseur nah an seine Figuren heran, die im wörtlichen wie im übertragenen Sinn ständig in Bewegung bleiben. Hatte die Bewegung in "Mediterranea" ihren Ursprung in einem inneren Antrieb nach einem besseren Leben, steht sie in "Pio" für die Rastlosigkeit eines fahrenden Volks. Dafür findet Carpignano zwei weitere starke Bilder: das der Klaustrophobie, unter der Pio leidet, und das eines Feuers in der Nacht, das in Pios Familie brennt, bevor es in seinem Großvater für immer erlischt.

Carpignanos Blick bleibt stets vorurteilsfrei. Sein Drama bildet die Verhältnisse lediglich ab, wertet nicht und deckt dabei auch unangenehme Wahrheiten auf, etwa die, dass von der Gesellschaft ausgegrenzte Mitglieder, andere Außenseiter ebenfalls ausgrenzen, statt sie aufzunehmen. Dass dies nicht zwangsläufig so sein muss, ist eine der wunderschönen, aber auch schmerzhaften Erkenntnisse, die Pio auf seinem Weg zum Erwachsenwerden macht.

Fazit: Nach "Mediterranea" erzählt Jonas Carpignano in "Pio" ein weiteres Mal von Menschen am Rand der Gesellschaft. Auch dieses Drama besticht durch facettenreiche Charaktere, präzise Beobachtungen, leise Töne, dokumentarische Wahrhaftigkeit und einen Hauptdarsteller, der das Publikum für sich einnimmt.




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