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Der andere Liebhaber
Der andere Liebhaber
© Weltkino Filmverleih

Kritik: Der andere Liebhaber (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Wie viele Genres François Ozons auch bedient, häufig kreisen seine Filme mit starken Frauen in einem kleinen Ensemble um ein Geflecht aus Verlust und Lust. Es ist die Lust der Figuren, deren Trauer und Schuld sich in Neurosen und Sexualität verselbstständigen, und die des Regisseurs, der sein Publikum mit unvorhergesehenen Wendungen und doppelten und dreifachen Böden lustvoll an der Nase herumführt. Wie einst bei Hitchcock geht die Erotik häufig mit Thrill und Suspense Hand in Hand. Bei Ozon haftet dem Sexuellen aber nichts Pathologisches an. Sein Spiel mit Erwartungen und Sehgewohnheiten besitzt eine enorme Fallhöhe. Denn selbst in seinen präzisen Charakterstudien neigt der Franzose durch seinen Hang zur großen Geste mal zum geistreichen, mal zum eher unfreiwillig komischen Bruch. Kitsch und Kunst sind für ihn kein Widerspruch. Nur eins ist sicher: Seine eigenwillige Handschrift langweilt nie.

Wenn sich François Ozon in einer sehr losen Adaption von Joyce Carol Oates' Roman "Der Andere" nun also des Zwillingsmotivs annimmt, muss das für seine Figuren übel enden. Denn wer die unzähligen filmgeschichtlichen Querverweise des Regisseurs kennt, der weiß, dass er sich weniger für das komödiantische Potenzial als vielmehr für das Unbehagen interessiert, das der Anblick eines Doppelgängers im Betrachter auslösen kann. Dementsprechend ist "Der andere Liebhaber" dann auch weniger "Das doppelte Lottchen" und sehr viel "Die Unzertrennlichen" (1988), was Ozon auch unumwunden zugibt. Anders als David Cronenberg vor 20 Jahren erzählt François Ozon seine Geschichte aber nicht aus der Sicht der Zwillinge, sondern aus der der Frau, die zwischen ihnen steht.

Der Schlüssel zur Geschichte liegt in deren Einführung. Wer sich in den ersten Minuten nicht von den grandiosen, teils spektakulär gewagten visuellen Spielereien ablenken lässt und genau hinhört, den wird das Ende wenig überraschen. So vorhersehbar wie in "Der andere Liebhaber" war Ozon selten. Die unzähligen Spiegelungen, Überblendungen und Schärfeverschieben deuten zudem an, dass das Gezeigte nicht immer und überall der Realität entspricht. Es ist der Versuch, die inneren Vorgänge einer psychoanalytischen Sitzung in Bilder zu packen, wie Ozon es formuliert hat. Seine Figuren sind dementsprechend schematisch: Zwei Brüder, die sich nicht nur physisch, sondern psychisch spiegeln, eine Frau, deren innere Zerrissenheit sich in den Kunstwerken wiederfindet, die an ihrem Arbeitsplatz zu sehen sind, und gleich drei Mutterfiguren, die alle für ein anderes Temperament stehen.

Auch dieses Mal ist die Fallhöhe enorm. Man kann diese Spielart des Psychothrillers sehr schnell ziemlich aufgesetzt, lächerlich und nicht mehr zeitgemäß finden. Dass das trotzdem über weite Strecken funktioniert, liegt an Ozons unbestrittenem Talent, großartige Schauspieler durch seine ganz eigensinnig-mutigen Stilmixe zu führen. Neben der überzeugenden Marine Vacth, die bereits bei "Jung & schön" (2013) mit dem Regisseur zusammenarbeitete, läuft Jérémie Renier, für Ozon ebenfalls kein Unbekannter, in seiner Doppelrolle zu Höchstform auf. Auch technisch ist "Der andere Liebhaber" erneut einwandfrei und bietet manch atemberaubende Ansicht, etwa wenn sich Chloés Körper beim Liebesspiel verdoppelt und mit den Zwillingen verschmilzt. So vorhersehbar die Auflösung letztlich sein mag, der Weg dorthin ist bei François Ozon unvermindert spannend.

Fazit: "Der andere Liebhaber" ist ein technisch perfekter, überzeugend gespielter, sehr eigenwilliger Psychothriller. Erneut schreckt François Ozon nicht davor zurück, sein Publikum durch ein lustvolles, doppelbödiges Spiel mit Erwartungen und Sehgewohnheiten vor den Kopf zu stoßen. Wer die Filme des Franzosen liebt, den wird auch dessen jüngstes Werk nicht enttäuschen.




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