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Rara
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© Cine Global Filmverleih

Kritik: Rara/Meine Eltern sind irgendwie anders (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Pepa San Martíns erster abendfüllender Spielfilm ist gleich ein Volltreffer. Ihr Coming-of-Age-Drama berührt, ohne rührselig zu sein. Ihre Inszenierung besticht durch einen präzisen Blick, den gelassenen Erzählton, eine mutige Perspektive und lange, häufig ungeschnittene Einstellungen. Das sah auch die internationale Jury der Sektion "Generation Kplus" der Berlinale so, die dem Film 2016 den "Großen Preis" verlieh. Zwei Jahre später kommt "Rara" endlich in die deutschen Kinos.

Der deutsche Titel "Meine Eltern sind irgendwie anders" ist nicht falsch, aber etwas irreführend. Schließlich stehen nicht die beiden Mütter Paula (Mariana Loyola) und Lía (Augustina Muñoz), sondern deren bald 13-jährige Tochter Sara (Julia Lübbert) im Mittelpunkt. Der Film beginnt und endet mit ihr und erzählt das Leben der liebevollen Patchworkfamilie konsequent aus ihrer Sicht. Es gibt keine Szene ohne Sara. Und wie Julia Lübbert diese Herausforderung stemmt, ist ganz famos. Dem Nachwuchstalent genügen wenige Gesten und Blicke, um all die Unbill zum Ausdruck zu bringen, die ein Teenagerleben so unerträglich erscheinen lassen. Immer wieder wirkt es, als schaue man ihr beim Denken zu, als blicke man diesem bewundernswerten Mädchen direkt in die Seele.

Der Originaltitel bedeutet im Deutschen so viel wie "merkwürdig", was den Kern des Geschehens besser trifft. Denn während Sara und ihre jüngere Schwester Catalina (Emilia Ossandón) an der Beziehung ihrer Mütter partout nichts Merkwürdiges finden können und auch ihre Mitschüler keinen Anstoß daran nehmen, sind es die außenstehenden Erwachsenen, die sich um die Schwestern sorgen. Sie sehen Probleme, wo keine sind und schieben ganz natürliche Entwicklungen, Prozesse und Konflikte von Saras beginnender Pubertät auf die sexuelle Orientierung der Erziehungsberechtigten.

Pepa San Martín inszeniert das ganz unaufgeregt, häufig indirekt, einer klassischen Dramaturgie beinahe schon gegenläufig. Den nur schleichend vorangehenden Wandel in der chilenischen Gesellschaft erzählt "Rara" ebenso beiläufig wie die fein gesponnenen Beziehungsgeflechte der Familienmitglieder. San Martíns gemeinsam mit Alicia Scherson verfasstes Drehbuch lässt ausreichend Leerstellen zur freien Interpretation, zieht das Unausgesprochene gewichtigen Aussprachen vor. Das entscheidende Gerichtsurteil im Sorgerechtsstreit etwa lässt der Film einfach aus. Ob und inwieweit Sara den Ausgang des Verfahrens beeinflusst hat, bleibt offen. Dass das Urteil falsch ist, ist hingegen völlig offensichtlich.

Fazit: Pepa San Martíns Langfilmdebüt ist ein feinfühliger Volltreffer. Das Coming-of-Age-Drama berührt, ohne rührselig zu werden und besticht durch glaubhaft gezeichnete Figuren und Geschichten. San Martín erzählt mit beeindruckender Gelassenheit vom Erwachsenwerden eines Mädchens und kann sich dabei voll und ganz auf die junge Hauptdarstellerin Julia Lübbert verlassen. Ein emotionaler Film, mal wuchtig, meist ganz zart.




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