VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Das Kongo Tribunal (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Nichts Geringeres als "vérité et justice", als Wahrheit und Gerechtigkeit hat sich Regisseur Milo Rau auf die Fahnen geschrieben, wie auf einem Banner über der Bühne des improvisierten Gerichtssaals im ostkongolesischen Bukavu zu lesen ist. Gerechtigkeit kann sein soziales Großprojekt "Das Kongo Tribunal", das man auch als Kunstaktion begreifen kann, nicht schaffen, zumindest nicht im juristischen Sinn. Denn das Urteil des symbolischen Verfahrens besitzt selbstredend keinerlei Rechtskraft. Die Gerechtigkeit besteht vielmehr darin, den von allen Seiten häufig ignorierten Opfern eine Stimme zu geben. Der Wahrheit wiederum kommt Milo Rau erstaunlich nahe, weil mancher Politiker ganz unerwartet Unerhörtes preisgibt.

Von einem rundum gelungenen Dokumentarfilm ist "Das Kongo Tribunal" ein gutes Stück entfernt. Der Regisseur holt sein Publikum nicht ab. Durch den unvermittelten Einstieg in den Berliner Teil des Tribunals, das erst nach und nach erklärt wird, riskiert Rau früh, das Interesse seiner Zuschauer zu verlieren. Zwar verleiht er seinem Film durch thematische Kapitelüberschriften Struktur, durch den assoziativ anmutenden Wechsel zwischen den Verhandlungsorten bricht er diese aber wieder auf. Ob es sich beim Tribunal in Berlin lediglich um eine Wiederholung oder um eine Fortführung des Verfahrens in Bukavu handelt, bleibt bis zum Ende unklar. Als Initiator des Tribunals ist Rau zudem stets Teil der Inszenierung, wodurch die Grenzen zunehmend verwischen.

Das entschlossene Vorwagen auf unbekanntes Terrain ist hingegen die große Stärke des Films. Milo Rau vermittelt nicht nur Bilder und Stimmen aus Gebieten, die in der öffentlichen Wahrnehmung der Industrienationen so gut wie keine Rolle (mehr) spielen, er bittet auch Politiker und Konzernvertreter zu einem waghalsigen Experiment mit offenem Ausgang. Wenn etwa ein Mitglied einer bewaffneten Rebellengruppe unumwunden zugibt, dass nicht nur sie, sondern auch die Regierungstruppen Frauen vergewaltigten, dürften auch einige im Kinosaal so unruhig auf ihren Sitzen rutschen wie das im Film anwesende Publikum. Und wenn der später entlassene Innenminister der Provinz sich erst in Ausflüchten verheddert und die Frage nach der politischen Verantwortung anschließend selbstherrlich mit der Gegenfrage wegwischt, wer den Staat denn zur Rechenschaft ziehen wolle, dann glückt Raus Film, was Journalisten und internationalen Politikern so häufig nicht vergönnt ist.

Fazit: Milo Raus "Das Kongo Tribunal" ist ein ambitionierter, mutiger und relevanter Beitrag zu einem weltpolitischen Thema, das von großen Teilen der Welt großzügig ignoriert wird. Der Dokumentarfilm fördert wichtige Erkenntnisse zutage, riskiert durch seine Struktur aber auch immer, sein Publikum zu verlieren.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.