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Meine schöne innere Sonne - Isabelle und ihre Liebhaber
Meine schöne innere Sonne - Isabelle und ihre Liebhaber
© Pandora Film

Kritik: Meine schöne innere Sonne - Isabelle und ihre Liebhaber (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Meine schöne innere Sonne" ist Claire Denis' erste, sehr feinsinnige Komödie. Ihre Dramen kreisen oft um Menschen am Rande der Gesellschaft und um das Erbe des französischen Kolonialismus ("Der Fremdenlegionär", "White Material – Land in Aufruhr", u. a.). Für ihre ironische Charakter- und Gesellschaftsstudie hat sich die 1946 in Paris geborene Filmemacherin nun die soziale Mitte vorgeknöpft. Agnès Godards geschmeidige Kamera rückt der Bourgeoisie nah auf den Leib. Wenn Denis das Liebesleben der Malerin Isabelle (Juliette Binoche) mit all seinen Höhen und Tiefen präzise seziert, kommen nebenbei auch die gehobenen Kreise, in denen sich Isabelle bewegt, mit all ihren Gepflogenheiten, ihrer Selbstverliebtheit und ihren Plattitüden unters Messer.

Im Zentrum stehen das Verlangen, die Hoffnungen und unerfüllten Wünsche einer emanzipierten Künstlerin, die derzeit wohl keine besser verkörpern könnte als Juliette Binoche. Der 53-Jährigen gelingt es, all die Widersprüche in Isabelles Persönlichkeit glaubwürdig auf die Leinwand zu bringen. Denn Claire Denis zeichnet mit ihrer Koautorin, der Schriftstellerin Christine Angot, kein einfaches, dafür ein überaus realistisches, weil facettenreiches Bild einer erfahrenen Frau. Die Männer an ihrer Seite sind deutlich einfacher gestrickt, während Isabelle alle Temperamente in sich vereint. Sie ist gleichermaßen stark wie verletzlich, ebenso klug wie emotional, genauso selbstbestimmt wie abhängig, mal fest entschlossen, dann wieder unerträglich zaudernd. Sie sucht sich ihre Männer aus und kann doch nicht ohne sie. Sie wünscht sich den richtigen Partner und nimmt sich doch immer wieder den falschen. Sie reflektiert ihre eigene Situation und die Mechanismen ihrer Schicht und kann sich ihnen doch nicht entziehen. All dieses Hin und Her ist für uns Zuschauer mitunter eine Zumutung. Die ein weiteres Mal grandios aufspielende Juliette Binoche hält aber all das zusammen.

Inspiration für Claires Denis' Komödie war Roland Barthes' Buch "Fragmente einer Sprache der Liebe", in dem der Philosoph und Zeichentheoretiker Begriffe von "Abhängigkeit" bis "Zugrundegehen" vor dem Hintergrund großer literarischer Werke und seiner eigenen Erfahrungen analysiert. Letztlich hat sich die Regisseurin dagegen entschieden, Barthes' Texte in Dialoge zu überführen. Dessen Beschreibung der "Agonie" als eine Angst des Liebenden "vor einer Gefahr, einer Verletzung, vor Verlassenwerden, vor einem Umschwung" durchzieht aber auch Isabelles Verhalten. Zudem hat sich Claire Denis für "Meine schöne innere Sonne" des Fragmentarischen der Vorlage bedient.

Die Dramaturgie ist beiläufig und offen, beinahe episodisch. Claire Denis wirft uns ebenso unvermittelt in das Geschehen, wie sie uns aus diesem entlässt. Größere Zeitsprünge erschließen sich manchmal erst im Nachhinein, sind dennoch allesamt verständlich. Wie Isabelle heißt, erfahren wir erst nach knapp 50 Minuten. Ihr Beruf kommt nur am Rande, ihre zehnjährige Tochter nur in einer einzigen Szene vor. Der Regisseurin geht es nicht um eine geschlossene Handlung, sondern wie Roland Barthes darum, die Liebe in all ihren Stadien abzubilden. Auch bei Denis ist dieser "Diskurs der Liebe […] von extremer Einsamkeit" geprägt. Isabelles Zwiegespräche mit Männern wirken darin manchmal wie innere Monologe, in denen die Hauptfigur ihr Verhalten überdenkt, den nächsten Schritt abwägt. Der Humor entsteht dabei weniger in den Dialogen als in den kleinen, fein beobachteten Alltagssituationen, die aus diesen Gesprächen erwachsen.

Fazit: "Meine schöne innere Sonne" ist die Geschichte einer emanzipierten Frau auf der Suche nach Liebe. Regisseurin Claire Denis und ihre Koautorin Christine Angot scheuen sich nicht, ihre Protagonistin mit all ihren Stärken und Schwächen zu zeigen. Denis' erste Komödie überzeugt durch feinen Humor und eine grandios aufgelegte Hauptdarstellerin, die ihre vielschichtige Figur glaubwürdig verkörpert.





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