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Überleben in Neukölln
Überleben in Neukölln
© missingFilms

Kritik: Überleben in Neukölln (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Wie sich die Geschichte manchmal gleicht. 1912, acht Jahre vor ihrer Eingemeindung nach Groß-Berlin wurde die preußische Stadt Rixdorf in Neukölln umbenannt, um ihren Ruf aufzupolieren. Hundert Jahre später ist das Image kaum besser. Spätestens seit die Rütli-Schule 2006 bundesweit in die Schlagzeilen geriet und Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky die Integrationspolitik in unzähligen Talkshows und 2012 schließlich in seinem Sachbuch "Neukölln ist überall" kritisierte, setzt die breite Öffentlichkeit mit dem Namen ein Problemviertel gleich. Auch davon erzählt Rosa von Praunheims Dokumentarfilm. In erster Linie zeigt er aber dessen vielfältiges (queeres) Leben.

Das erzählerische Gerüst dieses Streifzugs durch Neukölln bildet Künstlerin Juwelia. Ihr Lebensgefährte bezeichnet sie liebevoll als "Gelegenheitstransvestiten". Rosa von Praunheim besucht sie in ihrer Galerie, begleitet sie zu einer Ausstellung nach New York und in den hessischen Ort ihrer Kindheit und Jugend. Er zeigt ihre Gemälde und die Inszenierungen ihrer Lieder. Mal befragt er die Kunstfigur, mal die bürgerliche Identität dahinter, zu der er sich mit ins Bild setzt. Den Rest des Films, wenn der Regisseur unzählige andere alteingesessene und neue Neuköllner an die freien Stellen seines Gerüsts hängt, ist er hinter Elfi Mikeschs Kamera nur als Stimme anwesend. Und all die Interviewten geben einfache Antworten auf die kompliziert anmutende Frage, wie man in ihrem Kiez überlebe.

Praunheim zeigt Neukölln als bunten Bezirk, dessen (noch) günstige Mieten einen leichteren Alltag als im teuren Ausland oder in anderen deutschen Großstädten ermöglichen. Welche Sprache eine(r) spricht, welche Hautfarbe eine(r) hat, wen und wie eine(r) liebt, spiele hier keine Rolle, sind sich die Befragten unabhängig voneinander einig. Für viele wie die fast 90-jährige Frau Richter oder die 21-jährige Enana ist das Leben in Neukölln eine Befreiung. Richter flüchtete nach einer unglücklichen Ehe Anfang der 1980er-Jahre aus Stuttgart in die Mauerstadt und verliebte sich in eine andere Frau. In Berlin sei sie als Alleinstehende auch im fortgeschrittenen Alter endlich wieder wer gewesen, sagt sie verschmitzt in die Kamera. Enana floh mit ihrer Familie aus Syrien über die Türkei, Griechenland und Frankreich nach Berlin. Wenn sie in ihren selbst komponierten Liedern von der Unterdrückung Homosexueller in ihrem Heimatland singt, kommt ihr der Film ganz nahe. Die große Stärke von Praunheims dokumentarischem Werk, eine unmittelbare Intimität zu seinen Befragten aufzubauen, ist auch der Pluspunkt seines jüngsten Films.

Unter die Loblieder auf den Berliner Stadtteil mischen sich auch kritische Töne. Die schleichende Gentrifizierung wird angesprochen, aber nicht weiter verfolgt. Und wenn die selbst ernannte "Polittunte" Patsy l‘Amour la Love von Anfeindungen auf offener Straße berichtet, macht das betroffen. Hier versäumt es der Filmemacher, sich mit eben jenen zu treffen, von denen dieser Hass ausgeht. Denn auch das ist Neukölln. Hier leben nicht nur Liberale ihre Freiheit, sondern auch Konservative und Radikale, die den Liberalen die Freiheit am liebsten wieder wegnähmen. Ein bisschen verwundert es schon, dass Praunheim, der in seiner Vergangenheit keiner Konfrontation aus dem Weg gegangen ist, sich nur auf Aussagen der einen Seite verlässt, ohne die andere kritisch zu befragen. Dadurch wirkt seine Doku seltsam unfertig. Am Ende will sie mit all den Kreativen und den Musikern an jeder Straßenecke aber vielleicht nicht mehr sein als die Feier eines zu Unrecht gescholtenen Bezirks. Denn jeder, der selbst schon einmal dort gewesen ist, kann bestätigen, dass Neukölln viel mehr ist als nur Rütli-Schule und Buschkowsky.

Fazit: "Überleben in Neukölln" ist ein bunter Streifzug durch einen ebenso bunten Stadtteil. Rosa von Praunheims Dokumentarfilm bietet einen sehr intimen Blick auf einen Berliner Bezirk, der mehr eng umrissener Ein- als breit angelegter Überblick bleibt. Die Veränderungen in Neukölln lassen sich am ehesten mit einer Zeile aus einem von Juwelias Liedern zusammenfassen: "Früher war Bratwurst, heute ist Champagner."





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